Teil eines Werkes 
2. Th. (1862)
Entstehung
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Herrin. Nichts, als das dunkle, doch faſt zu weit ge⸗ öffnete Auge verrieth an dem jungen Mädchen jene geheimnißvolle Inſpiration der Seele, die dem Athem Gottes gleich ein Künſtlerdaſein aus dem Chaos der Unbewußtheit zu erwecken vermag.

Wir möchten uns ein wenig an Deiner Liebe für unſern unſterblichen Racine erfreuen, nahm Madame Bourſault in ihrer Verlegenheit um den Eingang des zu Sagenden ziemlich ungeſchickt das Wort.Sprich uns doch, liebe Joſephine, den Mo⸗ nolog noch einmal, den Du mir vorgeſtern Nachmit⸗ tag zu hören gabſt.

Das Maädchen trat ohne alle Befangenheit einige Schritte zurück. Ihre Wange röthete ſich, ihr Auge entflammte in einem ungekünſtelten Feuer, ihr Arm hob ſich mit der klaſſiſchen Ruhe der An⸗ tike. Nicht mehr die arme ungebildete Joſephine Duchesnois Phädra mit ihrem ſeelenzermalmenden Schmerz ſtand vor dem erſtaunten Zuhörerkreiſe.

Legouvé erhob ſich athemlos vor Spannung von ſeinem Sitze. Sein Auge folgte mit der Angſt des Künſtlers, der jeden Augenblick ein Meiſter⸗ werk durch die Materie gemeiner Proſa zertrüm⸗ mert zu ſehen fürchtet, den maßvollen Bewegungen,