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Ich erkannte die Schriftzüge Karl's. Haſtig erbrach ich das Siegel und las wie folgt: „Lieber Heinrich!
„Du biſt geſtern ſchändlich grob geweſen. So, wie Du mich kennſt, weißt Du, daß ich in der Regel gegen derartige Bétiſen äußerſt empfindlich bin. Ich habe mir indeß die Sache überlegt und eingeſehen, daß Du von Deinem Standpunkt aus nicht ſo völlig Unrecht haſt. Du ſcheinſt das Mädchen in der That zu lieben, und wenn ich auch meinestheils die Ekſtaſe dieſer poeſievollen Leidenſchaft für Schwindel halte, ſo bin ich doch human genug, jedem Sterblichen ſein Plaiſir zu laſſen. Ich begreife, wie es einen über⸗ ſchwänglichen Amoroſo peinigen muß, den Gegenſtand ſeiner Neigung in einem zweideutigen Lichte zu ſehen. Meine Bemerkungen waren unbeſonnen: ich bin Dir einige Aufklärung ſchuldig. So wiſſe denn, daß ich allerdings Deiner Margherita nach meiner Weiſe den Hof gemacht habe. Das gute Kind bildete ſich ein, ich würde ſie heirathen, und geſtattete mir daher ge⸗ wiſſe Vertraulichkeiten, die—— enfin, ich will Dir das Herz nicht ſchwer machen...! Dagegen gebe ich Dir feierlichſt mein Ehrenwort darauf, daß Du Dir
über ihre jungfräuliche Sittſamkeit, ſo weit ich hier
mitzureden habe, keine grauen Haare wachſen zu laſſen
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