Teil eines Werkes 
1. Bd. (1858)
Entstehung
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Rechten oder zur Linken abzuweichen, und ohne ſich nur zu fragen, ob es nicht einen andern Weg gebe; nie war ihr der Gedanke in den Kopf getommen, daß eine Frau wider den Stachel ausſchlagen könne; befreit aus dem Joch hatte ſie Furcht wegen ihrer Freiheit und ſuchte inſtinctmäßig neue Ketten. Dieſe neuen Ketten beſtanden in einer übertriebenen Andächtelei, welche ihr dieſelben anlegte, und mie alle beſchränkten Geiſter, begann ſie nun in einer falſchen, überſpannten und doch gewiſſenhaft geüb⸗ ten Frömmigkeit zu vegetiren.

Die Frau Baronin Michel hielt ſich ganz ein⸗ fach für eine Heilige; ſie war regelmäßig bei dem Gottesdienſt, gehorſam dem Faſtengebot, treu den Vorſchriften der Kirche; und wer ihr geſagt hätte, daß ſie täglich ſiebenmal ſündige, mürde ſie in großes Erſtaunen verſetzt haben. Und doch war nichts richtiger; es war gewiß, daß man, um nur bei der Anklage der Demuth der Baronin de La Logerie ſtehen zu bleiben, ſie jeden Augenblick des Tags auf friſcher That bei dem Ungehorſam gegen die Lehren des Erlöſers der Menſchen ertappen konnte; denn ſie trieb, ſo ſchlecht oder ſo wenig er auch gerechtfertigt ſein mochte, den Adelsſtolz bis zur Narrheit.

Auch haben wir geſehen, daß unſer verſchla⸗ gener Bauer, Meiſter Courtin, der ohne Umſtände den Sohn Monſieur Michel genannt, nicht ein ein⸗ ziges Mal unterlaſſen hatte, der Mutter den Titel Baronin zu geben.

Natürlicher Weiſe hatte Frau de La Logerie einen Abſcheu vor der Welt und dem Jahrhundert;