5— —õ————* 5
— 102—
ſehen hatte. Sie erkannte auf den erſten Blick in der Hauptfigur die Königin Marie Antoinette, wie ſie mit dem kleinen Dauphin auf den Knien lag und in⸗ brünſtig betete. Darunter ſtand weiter nichts als:„Am 17. Juli 1789.“
Dieſe Caricatur, denn als ſolche ſollte das Gemälde gelten, bezog ſich offenbar auf die Reiſe des Königs nach Paris, von welcher ſeiner Gemahlin allerdings ſchreckliche Gerüchte zu Ohren gekommen waren. Aber auf Char⸗ lotten machte der Anblick dieſer beſorgten Gattin und Mutter durchaus nicht den dadurch beabſichtigten Eindruck.
„Ach,“ ſeufzte ſie ſtill für ſich,„hatte denn die Kai⸗ ſerstochter nicht Urſache zur Unruhe, nachdem die Ar⸗ tois, Condé, Broglie und Breteuil, nachdem auch die ſo anhänglichen Polignac's über die Grenze entflohen waren? Mußte es ſie nicht mit Entſetzen er⸗ füllen, wenn ſie durch Eilboten vernahm, daß 200,000 Bewaffnete nichts hören ließen als den Ruf:„Es lebe die Nation!“? Mußte es ihr nicht in's Herz ſchneiden, als man ihr erzählte, wie ihr erhabener Gemahl nur dadurch ein Viyat erpreſſen konnte, daß er die dreifar⸗ bige Cocarde annahm und die weiße mit den königlichen Vorrechten ablegte?— Ach, ich kann mich recht wohl an die Stelle der armen Frau verſetzen, welche für das


