an den Ufern des Genferſees wonneberauſcht an einander ſchlugen— der Brief kommt nicht zu ſpät.
Mein Otto, meine Seele, zu Anfange des Wonne⸗ monats bin ich bei Dir! Dann ſehe ich mein Bild wie⸗ der ſo lebhaft in Deinen blauen Augen, wie das Deinige in meinem Herzen lebt! Ich vergehe vor Luſt!
Lebe wohl, mein Herz; ich umarme Dich in Gedan⸗ ken viel tauſend Mal.
Charlotte Vanner.“
Wer in ſeinem einundzwanzigſten Jahre ſteht wie Bernard, dem brauchen wir nicht zu ſagen, daß er dieſen Brief nicht nur einmal las und an den Mund drückte. Charlotte, früher ſeine Nachbarin zu Genf, die Geliebte ſeines Herzens, nahm jetzt alle ſeine Gedan⸗ ken und Empfindungen in Anſpruch. Vor nur noch zwei Stunden hatte er in unbeſtimmtem Sehnen durch ſein Fenſter in die Leere emporgeblickt, jetzt lächelte ihm hold⸗ ſelig ein Himmel voll Engel zu. Innigere Freuden hat die Erde nicht.
Ueber eine Stunde mochte Bernard in den ſeligen Genüſſen der Erinnerung und der Hoffnung geſchwelgt haben, als ihn ſein Dienſt zu ſeinem Vorgeſetzten Louis de Flue rief. Er ließ ſich vom Stubenheizer ſchnell
das Haar aufkräuſeln und friſch pudern, ſtülpte ſeinen


