178 Die Familie Cenci.
ſtudirte ſie mit dem Cardinal San Marcello, einem ſehr klugen und in dieſen Dingen ſehr erfahrenen Manne. Als er dann ſein Reſumé gemacht, theilte er es den Advocaten mit, welche ſehr zufrieden damit waren und die Hoffnung faßten, daß den Angeklagten das Leben ge⸗ ſchenkt werden würde. Denn aus allen Ausſagen ging hervor, daß, wenn ſich die Kinder auch gegen ihren Vater empört hatten, doch alles Unrecht und alle ſchändliche Be⸗ handlung von ihm ausgegangen war, und daß dieſes Un⸗ recht und dieſe Schandthaten, beſonders gegen Beatrice, von der Art geweſen waren, daß ſie durch die Tyrannei, die Verworfenheit und die Brutalität ihres Vaters gleich⸗ ſam mit den Haaren dazu gezogen worden, dieſes empö⸗ rende Verbrechen zu begehen.
In Folge dieſer Rückkehr zu milderen Anſichten befahl daher der Papſt, daß die Angeklagten wieder in das ge⸗ heime Gefängniß gebracht und daß ihnen ſelbſt einige Hoff⸗ nung auf Erhaltung ihres Lebens gemacht werden ſollte.
Rom athmete auf, hoffend wie dieſe unglückliche Fa⸗ milie und erfreut, als ob dieſe einzelne Begnadigung ſich über die ganze Stadt erſtreckte. Aber die guten Abſichten des Papſtes wurden durch die Nachricht von einem neuen Verbrechen vernichtet: die Marquiſe von Santa Croce war im Alter von ſechzig Jahren von ihrem Sohne, Paul von Santa Croce ermordet worden, und zwar auf die empörendſte Weiſe mit funfzehn bis zwanzig Dolchſtichen, weil ſie ihm nicht verſprechen wollte, ihn zu ihrem Uni⸗ verſalerben einzuſetzen. Der Verbrecher hatte die Flucht ergriffen.
Clemens VIII. entſetzte ſich, als er dieſe beiden faſt gleichartigen Verbrechen in ihrer ganzen Scheußlichkeit vor ſich ſah; indeſſen war er für den Augenblick gezwungen


