96 Der Seeräuber Vane.
Eine ſolche Zuvorkommenheit ward vom Engländer um ſo dankbarer aufgenommen, je weniger er ſie zu er⸗ warten berechtigt war. Die beiden Leute hatten gleich weg, daß England ihr gemeinſchaftliches Vaterland war; ſie ſchienen wie für einander geboren zu ſein, ſo zutraulich wurden ſie bald gegen einander; es war noch nicht eine Stunde vergangen, ſo würde jeder die Aufrichtigkeit des Andern beſchworen haben. Da der zuvorkommende Führer angeblich Muße genug hatte, ſo blieb er bei dem Officier im Hotel, um ihn mit anziehenden Erzählungen zu un⸗ terhalten. Die intereſſanteſte für ſeinen Zuhörer war ſeine Lebensgeſchichte, von der wir nur mitzutheilen brauchen, daß er James Dikam hieß, ſeit ſeiner früheſten Jugend auf dem Meere lebte und eben jetzt— über die von Ha⸗ vanna nach Europa zurückſegelnden Kauffahrteiſchiffe Kund⸗ ſchaft eingezogen hatte. Er war der feinſte Spion eines Caperſchiffes, welches der verwegene Meats befehligte und das in dieſem Augenblicke in eine kleine Bucht ſüd⸗ weſtlich von Havanna vor Anker lag. Dies alles erfuhr der Officier nach und nach, wie er ihn durch eigne Ge⸗ ſtändniſſe zutraulich gemacht hatte. Von dieſen Geſtänd⸗ niſſen muß etwas ausführlicher die Rede ſein.
Der Officier hieß Charles Vane, ſtammte aus der engliſchen Grafſchaft Devonſhire, hatte von ſeinen wohl⸗ habenden Eltern die trefflichſte Erziehung genoſſen und von Jugend auf einen gewaltigen Thatendurſt empfunden. Was bei ihm nichts als Aeußerung ſeiner jugendlichen Regſam⸗ keit war, wurde von ſeinen Eltern und Erziehern als Auflehnung gegen alles Heilige ausgelegt und mit un⸗ nachſichtlicher Strenge geahndet. Als er einſt in ſeinem ſechzehnten Jahre einen Burſchen ſeines Alters bei einer Schlägerei gefährlich in den Kopf verwundet und deße


