10 Die eiſerne Maske.
König unangemeldet mit dem ganzen Jagdgefolge, alles in Stiefeln und Sporen, in das Zimmer der Königin ein⸗ trat. Dieſe ſtand auf um ihn zu begrüßen, er aber winkte
leicht mit der Hand und hieß jedermann wieder Platz neh⸗
men. Hierauf befahl er dem Marquis von Louvigny der Königin die Beute der Jagd zu präſentiren. Der Mar⸗ quis nahte ſich ihr, ließ ſich vor ihr auf ein Knie nieder, deckte ein langes vergoldetes Gefäß auf und bot der Mo⸗ narchin— das Bein von einem eben geſchoſſenen Hirſche dar. Die unglückliche Königin fühlte das verächtliche Be⸗ nehmen ihres Gemahls, welcher von fern ſtand und mit ſeinem Handſchuhe ſpielte, ohne ſie auch nur eines Wortes zu würdigen, nahm mit zitternder Hand das Hirſchbein und ſtammelte mit thränenerſtickter Stimme ihren Dank.
Nach dieſer abſcheulichen Scene durchmuſterte Lud⸗ wig XIII. den Kreis der Damen. Als ſein Blick auf die La Fayette fiel, welche das Vuch noch in der Hand hielt, ſagte er lächelnd:
„Ohne unbeſcheiden zu ſein, darf man wohl fragen, welcher Schriftſteller das Glück hat die Aufmerkſamkeit ſo vieler ſchönen Damen zu feſſeln?“
Das Fäulein ward über und über roth und reichte dem König das Buch. Er warf einen Blick auf den Titel und ſagte:
„Ein Spanier, wieder ein Spanier!“
Die La Fayette, welche noch vor einem Augenblicke geglüht hatte wie eine Roſe, ward weiß wie eine Lilie. Der König bemerkte es und ſagte:
„Beruhigen Sie ſich, Fräulein; Sie tadle ich nicht.“
Nach dieſen Worten grüßte der König die Damen mit einer leichten Handbewegung und entfernte ſich, ohne ſeine Gemahlin auch nur angeſehen zu haben.


