Die eiſerne Maske
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In einem Bogenfenſter des erſt kürzlich verſchönerten Louvre ſaß zu Ende des Sahe auf einem mit rothem Sammet bekleideten Armſtuhl eine junge Dame, in den großen viereckigen Hof hinabblickend, als ob ſie je⸗ mandes Ankunft erwartete. Obwohl ſie bereits 24 Jahre zählte und ſeit beinahe 10 Jahren verheirathet war, ſo konnte man ſie doch für ein Mädchen von 19— 20 Jahren halten, ſo ſchön und blühend war ihr ovales Geſicht, ſo reizend ihr ſchlanker Wuchs. Ihr kaſtanienbraunes Haar neigte ſich in geſchweiften Bogen zu ihren großen Augen hinüber, ihr friſcher rother Mund ſchien faſt unmerkliche Seufzer zu hauchen und ihre kleinen Hände zupften an den Franſen eines koſtbaren Tuches, welches von ihrer ſchoͤnen Bruſt herabwallte. Es war Anna von Oeſtreich, Lud⸗ wig's XIII. Gemahlin.
Die Königin ſchien ihre Umgebung gar nicht zu be⸗ merken. Die alternde von Heinrich IV. getäuſchte Mar⸗
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