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„Jede Idee,“ ſagte Germano ſtolz und groß,„will ihre Perſon zur Vertretung. Wäre Chriſtus nicht wirklich auf Erden erſchienen, wir würden ihn uns erfinden müſſen. So faſſen wir unſere höchſten Gedanken in dem perſönlichen Begriff eines vollendeten Roſenkreuzers zuſammen und nennen ihn Roſicrucius. Sowie es noch keinen wahren Roſenkreuzer gibt, ſo iſt zur Zeit noch Niemand werth, den Roſicrucius vorzuſtellen. Vor der Hand—“
„Vor der Hand ſeid Ihr gut genug dazu?“ unterbrach ihn Groß⸗ vater Erlaucht, ſtieß mit dem Fuße aus, als ſucht' er ihn zu treffen, und wendete ſich knurrend abſeits.„Lumpenhund! Kann mir drei Mal— gewogen bleiben! Laßt den Kerl laufen! Und die Donna auch! Haben vielleicht mitſammen eine chymiſche Hochzeit feiern wollen. Na, nichts für ungut, daß ich Euch Scheidewaſſer zwiſchengegoſſen! Allen ſoll verziehen ſein, abgemacht, ſag' ich, Sela! Hokus Pokus bei Seite! Fort mit dem Alfanz! Luft, Licht, erhabenes Weſen! Ah!“
Mit dieſem Rufe ſtarb er hin, ſeine große, ſtarke Seele ver⸗ hauchend. Er, der gefehlt und geirrt, hatte noch Gericht über uns gehalten, ſeines Rechtes gewiß, auch wo er mit falſchen Mitteln Ver⸗ ſuche gemacht. Dies Gefühl wandelte uns Alle an; ſo gewaltig war die Macht, die ſein Geiſt geübt. Die letzte Nervenzuckung war lähmend auf die linke Seite, auf's Herz gefallen; ſein Herz ſtand ſtill, ſein Leben war beendet. Wie ein gepanzerter Rieſe ſtreckte er ſeine Glieder noch von ſich, drohend, kriegeriſch, zum Kampf bereit. Auf ſeiner Stirn blieb thronend das Bewußtſein ſtehen, immer Rechtſchaffenes, nie Kleines, immer Großes gewollt zu haben. Wie wir ihm die Augen ehrfurchtsvoll ſtill zudrückten, löſte ſich der krampfhafte Zug der Lippen und das Gepräge eines in ſeinem Gott und ſeinem Rechts⸗ gefühl Heimgegangenen lagerte ſich über den Frieden ſeines todten Antlitzes; der Anblick des Gerechten konnte nicht erhabener ſein.
Paſtor Dreikorn in ſeinem Amtstalar— er hatte den Roſen⸗ kreuzermantel ſchnell von ſich gethan— trat zu uns, der Wirth des Hauſes, der Wirth des Feſtes, nun auch Herr des Todtenamtes, mit dem der Logentag ſchließen ſollte. Er ſprach mit Salbung einige Worte des Friedens. Saverio, mein Lehrer, mein Freund und nun mein Bruder, war in einer wunderbaren Stimmung; es überwältigte ihn, ſich plötzlich ſo reich zu fühlen als Sohn und Bruder. Kaum
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