Teil eines Werkes 
1 (1855) [Großvater Erlaucht]
Entstehung
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als die Leidenſchaft, die da wagt und verſpielt, aber nach dem Verluſt immer noch einen neuen Einſatz möglich macht.

Die Frau Paſtorin war die mildernde Ergänzung zum Alten. Hatte Ehrwürden etwas von einem herben trocknen Todtengräber, ſo hatte die Leichenbittermiene, mit der ſie im Grunde daſſelbe Geſchäft verſah, doch etwas menſchlich Gewinnendes. Ob die gute Frau je Mutter geweſen und ſomit natürlichen Beruf zur Erziehung hatte, weiß ich nicht; dies altehrſame Ehepaar Philemon und Baucis ſah gar nicht darnach aus als hätten ſie ſich je Nachkommenſchaft zu getraut. In ihrer Behabung zu mir hatte Frau Baucis eher etwas von einer alten Muhme, die durch peinliche Zärtlichkeit erſetzt, was ihr an einfacher Naturempfindung fehlt. Sie ſorgte für mich, als wär' ich ihr Augapfel, behütete jeden meiner Schritte, war Tag und Nacht geſchäftig für mein Wohl. In all' dem Eifer lag zuviel Abſicht und Pein. Sie kam meinen Bedürfniſſen zuvor, und ich blieb im Gehege ihrer Wünſche gefangen. Ich lernte gehorchen, aber ohne Luſt und Liebe; in dieſem Dienſt der Gewohnheit blieb aller freie Wille unentwickelt.

1 Mittags bei Tiſche mir vorgelegt. Daraus erwuchs

7 mir das Gefühl, daß dieſe Umgebung nicht hingehörte, in

dieſem Kreiſe ein Gaſtz enhling, vielleicht gar nur ein Ge⸗ fangener war. Ich bewoh 5

die alten Leute ſich mit hoß

ſie nicht liebte, daran war wohl Rie große Sotgfamkeit Schuld, mit

der ſie mich wie einen Vevorzugten, aber doch zugleich wie einen

Unglücklichen, einen vom Schicſal heimlich Gezeichneten, behandelten.

Es war ſehr unnatürlich I ich, ein Kind und zweifelsohne mit dem

Bedürfniß nach Hinneigung begabt, den Alten gegenüber nicht kennen

lernte was Liebe heißt. Ich glaube, man lernt nur lieben, wenn

5 man es ſich verdienen darf. Ich durfte mitunter den Mops der guten

1 Frau Baucis füttern, und ich liebte das Thier, weil ich ihm Gutes

that. Ich liebte den zottigen ſchmutzigen Hofhund an der Kette, weil ich ihm heimlich Biſſen zuwarf; ich liebte die alte, halbblinde, ſtock⸗ taube, den Dienſt im Hauſe verſehende Magd, weil ich ihr heimlich, wo es die Alten nicht merkten, behülflich ſein konnte, wenn ſie in ihren Nöthen ſtecken blieb. Wie gern hätte ich wie ein Page die