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Demuth; und das iſt eine Tugend mehr, die man Ihren zahlloſen Tugenden beizufügen hat!“
Herr Gérard hielt es nicht mehr aus: unter den Lobeserhebungen eines im Auftrage des Königs kom⸗ menden Mannes, blies er ſich allmälig auf, um am Ende zu zerberſten, hätten dieſe Lobeserhebungen in derſelben Progreſſion fortgefahren. Die Worte: Huld des Königs hatten in ſeinem Ohre geklun⸗ gen wie eine köſtliche Muſik, und er erſchaute ver⸗ worren in der Zukunft glänzende Belohnungen für ſeine Tugenden.
„Herr Commandeur,“ antwortete er ganz beklom⸗ men,„ich thue gegen meines Gleichen nur, was jeder gute Chriſt thun ſoll. Lehrt uns nicht die Re⸗ ligion uns einander dienen, uns lieben, uns gegen⸗
ſeitig unterſtützen?“
Der Commandeur hob ſeine Brille bis zum ober⸗ ſten Theile ſeiner Stirne empor und ſchaute Herrn Görard mit ſeinen kleinen Augen ſtarr an.
„Ei!“ dachte er, während er ihn anſchaute,„ich wäre in der That erſtaunt geweſen, hätte ſich nicht eine kleine Doſe Jeſuitismus unter dieſer Philan⸗ thropie gefunden!.. Wir wollen den Menſchen bei ſeiner Schwäche faſſen!“
Alsdann ſprach er laut:
„Mein Herr, es iſt alſo nichts, ſtreng die Grund⸗ ſätze beobachten, die uns die heilige Religion lehrt, und Seine Majeſtät, die den Titel Allerchriſtlich⸗ ſter König führt, und ſich mit Recht der älteſte Sohn unſerer heiligen Mutter der Kirche zu ſein rühmt, muß ſie nicht die wahren Chriſten auszeichnen und belohnen?“
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