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geiſtreichen, in Momenten bis zum Gifte boshaften Unterlippe.
Das Ganze dieſer Phyſiognomie konnte zuweilen den Geiſt, den Ehrgeiz, die Sinnlichkeit offenbaren, doch nie die Seelengüte. Man fühlte vom Anfang an, man habe jedes Intereſſe, dieſen Mann ſich nicht zum Feinde zu machen; Niemand aber hätte aus dem Geſichtspunkte der Sympathie den Wunſch gefühlt, ſich einen Freund aus ihm zu machen.
Ohne groß zu ſein, war er, wie die Bürger ſa⸗ gen, wenn ſie von einem Geiſtlichen ſprechen, ein ſtattlicher Mann. Man füge dieſem etwas ausneh⸗ mend Hoffärtiges, Verächtliches, Impertinentes in ſeiner Art, den Kopf zu tragen, die Leute zu grüßen, in einen Salon einzutreten, daraus wegzugehen, ſich zu ſetzen und außzuſtehen, bei... Dagegen ſchien er für die Frauen die feinſten Blüthen ſeiner Höflich⸗ keit aufbehalten zu haben; er blinzelte, wenn er ſie anſchaute, auf eine ſo bezeichnende Art mit der Augen, und gefiel ihm die Frau, die er anredete, ſo nahm ſein Geſicht einen unbeſchreiblichen Ausdruck von unzüchtiger Süßigkeit an.
Mit dieſen halbgeſchloſſenen, blinzelnden Augen
trat er in dieſen Salon ein, den man den Frauen⸗
ſalon nennen konnte, während der General, der Monſeigneur Coletti ſeit langer Zeit kannte, als er ihn melden hörte, zwiſchen den Zähnen murmelte:
„Treten Sie ein, Monſeigneur Tartufe!“
Dieſe Meldung, dieſer Eintritt, dieſer Gruß, das Zögern von Monſeigneur Coletti, ſich zu ſetzen, die Wichtigkeit, die den berufenen Prediger der letzten Faſtenzeit umgab, hatten einen Augenblick die Auf⸗


