302
(V. Das Liebesgeſetz.
Am 4. November 1826, das heißt an ſeinem Na⸗ mensfeſte, hatte Karl X. abermals zwei Prieſter zu den Functionen von Staatsminiſtern berufen: den Herzog von Clermont⸗Tonnerre, Erzbiſchof von Toulouſe, und Herrn von Latil, Erzbiſchof von Reims.
Die ultramontanen Biſchöfe konnten alſo wieder das Haupt erheben und den erſten Rang für ſich in Anſpruch nehmen. Herr von Latil, ihr Dolmetſcher bei Karl X., fing, als er kaum im Miniſterium feſtſaß, damit an, daß er den König gegen die Preſſe aufhetzte. Das, ſchon ſo ungerechte und ſo ſtrenge, Geſetz von 1822 wurde für ungenügend erklärt, und das Verſpre⸗ chen vergeſſend, das er zum Throne gelangend gegeben hatte, ein durch ſo gewaltiges Zujauchzen begrüßtes Verſprechen, ermächtigte Karl K. die Werkſtätten von Montrouge und Saint⸗Acheul, ein Geſetz zu ſchmieden, das alle Reſultate der Cenſur hätte, ohne ihren Namen zu tragen, und das beengender für die Buchdrucker und die Schriftſteller wäre.
Man wollte diesmal Alles mit einem Schlage bre⸗ chen, den Gedanken und das Werkzeug. So gebot. zum Beiſpiel, eine der Verfügung des Geſetzes, daß alle Schriften von zwanzig Blättern und darunter, die einen fünf Tage, die andern zehn vor der Veröffent⸗ lichung deponirt werden. Erfüllte man dieſe Förmlich⸗ keit nicht, ſo wurde die Ausgabe confiscirt, und der Drucker zu einer Buße von dreitauſend Franken verur⸗ theilt. Die Buchdrucker wurden folglich Cenſoren der Werke, die ſie druckten. Die Verantwortlichkeit laſtete gleichmäßig auf den Eigenthümern der Journgle; die


