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Ingénue zog aus ihrer Bruſt ein Papier, ent⸗
faltete es und las:
„Liebe Ingénue!
„Ich habe Dein Portrait von meinem Freunde Greuſe malen laſſen, und dieſes Portrait iſt meine beſte Geſellſchaft geworden. Mitten unter Tigern und Wölfen, erſcheint mir das ſanfte Bild als eine Gunſt der Vorſehung.
„Paris iſt in dieſem Augenblicke herrlich zu ſehen: nichts läßt ſich mit dem Entſetzen, das es einflößt, und mit der Erhabenheit der Schauſpiele, die es bietet, vergleichen.
„Sonſt weinte ein junges Mädchen auf der Straße: 3
man dachte an den Kupferſtich vom Zerbrochenen Kruge, man lächelte der ſchönen Weinerin zu und ging weiter.
„Sieht man heute die Trauer und die Bläſſe auf einem Geſichte, ſo hat man die Erklärung dieſer Bläſſe und dieſer Trauer gegen vier Uhr, wenn man dem Faubourg Saint⸗Antoine oder beſſer der Rue Saint⸗Honoré folgt.
„Denn heute wird an zwei Orten hingerichtet, wie man einſt unter der Monarchie an zwei Orten die Feuerwerke cbrannte.
„Ich habe indeſſen meinen Entſchluß gefaßt wie Jedermann, und ich gehe mitten durch dieſe Mär⸗ tyrer und dieſe Henker, erſtaunt, nicht zu den Einen zu gehören, und glücklich, keiner von den Anderen zu ſein.
„Dieſe Revolution, meine liebe Ingénue, ich
glaubte, ſie werde das Reich der Philoſophie und


