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Vielleicht wird er mich eines Tages nicht mehr lie⸗
ben, das iſt möglich; doch ich gefalle mir in dem
Gedanken, daß ich an dieſem Tage vor Schmerz ſtürbe... Das iſt mir lieber, als vor Scham zu ſterben.“
Rétif riß die Augen wie beſtürzt auf; er hatte nie, ſelbſt nicht in ſeinen Büchern, die Frauen mit dieſer Entſchiedenheit und mit dieſer Sicherheit der Theorie ſprechen hören.
„Ja,“ fuhr Ingénue fort,„und Sie werden mei⸗ ner Anſicht ſein, mein Vater, deſſen bin ich ſicher. Die Lage einer Maitreſſe iſt falſch im Leben. Ich bekäme Kinder, wie mir Herr Chriſtian geſagt hat. Nun, was würde ich mit dieſen Kindern machen? Sie wären verachtet; ich ſelbſt, ich würde zittern, wenn ich ſie küßte! Nein, mein Vater, nein, ich habe einen Stolz, der meine Liebe noch überſteigt. Nie wird mich Jemand auf dieſer Welt verachten, und damit ich zu dieſem Reſultate gelange, darf ich nicht zuerſt aufhören, mich zu achten.“
Rétif hörte Alles dies mit gekreuzten Armen an; als Ingénue ſchwieg, horchte er noch.
„Ah!“ ſagte er ganz niedergeſchlagen,„die Ver⸗ nunft, wenn ſie zu ſtark iſt, wird Unvernunft! Stellſt
Du Dir zufällig vor, Herr Chriſtian werde ſich lange
in dieſe Paradoxen ſchicken?“ „Er hat es mir verſprochen, mein Vater; er hat mehr gethan: er hat es mir geſchworen!“ „Ei!“ entgegnete Rétif,„was man in der Liebe verſpricht, was man ſchwört, iſt in dem Augenblicke,
wo man es verſpricht, wo man es ſchwört, etwas,
was ſich ſchwer halten läßt; iſt es ſchwer, ſo iſt es
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