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wird mehr Freude ſein im Himmel über Einen Sün⸗ der, der Buße thut, als über neunundneunzig Ge⸗ rechte, die der Buße nicht bedürfen.““
„Warum nennen Sie Jeſus Chriſtus einen Ge⸗ ſetzgeber?“ fragte Ingénue.
„Es iſt gut, es iſt gut, mein Kind,“ antwortete Rétif;„wir Philoſophen wiſſen, was die Worte zu bedeuten haben. Ich finde alſo, daß Auger ein red⸗ licherer Mann iſt, als viele andere Leute, und ich weiß ihm um ſo mehr Dank hiefür, als Du es biſt, die ſeine Verwandlung bewirkt hat.“
„Ich, mein Vater?“
„Allerdings, Du! Erkenne alſo hierin jene ge⸗
heime Stimme des Herzens, jene bewegende Kraft
aller edlen Handlungen dieſer Welt: liebte Dich Auger nicht, ſo hätte er nicht ſo gehandelt.“
„Mein Vater!.. rief Ingénue ſchamroth und zugleich ärgerlich.
„Was ſpreche ich, lieben?“ fuhr Röétif fort;„man muß die Leute vergöttern, um ihnen ſo Alles, Alles zu opfern!... Sagen wir alſo hier nicht:„„Auger wurde tugendhaft um der Tugend willen,““ oh! nein! und das iſt der Irrthum der gewöhnlichen Menſchen; das iſt der Irrthum des wackeren Pfar⸗ rers Bonhomme und des würdigen Fabricanten Ré⸗ veillon, welche Beide die Aenderung von Auger einer Gewiſſensrückkehr zuſchreiben. Nein, meine Tochter, nein! beſſert ſich Auger, ſo geſchieht es nicht durch die Liebe der Tugend, ſondern durch die Tugend der Liebe.“
Ingénue hob den Pfeil nicht auf.
Eine Folge hievon war, daß Rétif, der an die⸗


