getreuen Ueberrock gegen ein etwas groteskes, aber zum Declamiren bequemes Nachtkleid vertauſcht.
„Seltſamer Wechſel!“ rief er, als er ſich in ſei⸗ nen Aermelausſchnitten frei fühlte,„Fügungen des Schickſals! Launen des Lebens! Spiele der Seele! Da iſt ein Menſch, den wir verabſcheuten, der unſer Hauptfeind war; da iſt ein Elender, dem Du und ich einen raſchen und geraden Weg zum Galgen gewünſcht hätten,— nicht wahr?
„Zum Galgen?“ verſetzte Ingénue.„Oh! mein Vater, Herr Auger war ſehr ſtrafbar, doch mir ſcheint, Sie gehen zu weit.“
„Ja, Du haſt Recht, ich übertreibe vielleicht ein wenig,“ erwiederte Rétif;„doch ich bin Dichter, meine Liebe: Ut pictura poösis, wie Horaz ſagt. Ich wiederhole alſo der Galgen; denn hätteſt Du ihn nicht dahin geſchickt, ſo würde ich, ein Mann, ich, Dein Vater, ich, verwundet in meinen Gefühlen und in meiner Ehre, ihn nicht nur zum Galgen, ſondern ſogar zum Rade, und zwar ſehr gern geſchickt haben. Nun wohl, heute zeigt ſich dieſer Menſch als der Trefflichſte, der Vollkommenſte der braven Leute; er verbindet mit ſeinen Vorzügen den der Reue; er iſt doppelt würdig der Lobſpenden, einmal weil er das Gute thut, und dann weil er es thut, nach⸗ dem er das Böſe gethan hat! O Vorſehung! o Re⸗ ligion!“
Ingénue ſchlug von Zeit zu Zeit ihr Auge be⸗ ſorgt auf und fing an über dieſe Exaltation ihres Vaters zu erſchrecken.
Dieſer fuhr fort:
„Glückliche Lehre des Geſetzgebers Jeſus:„„Es
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