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„Nun wohl, als ich eines Tages jagte, hielt ich einen Hund für einen Wolf und ſandte ihm drei Rehpoſten zu: der eine ſetzte ſich in den Lendenmus⸗ keln feſt, der andere plattete ſich oben am Schulter⸗ blatte ab, der dritte brach eine Rippe. Den letzten konnte ich ausziehen; der zweite kam nach Verlauf von zehn Tagen ſelbſt aus der Wunde heraus; der dritte blieb im Fleiſche, verurſachte aber keinen Un⸗ fall. Nun denn, warum ſollte die Natur, welche auf dieſelbe Art bei allen Thieren wirkt, nicht für den Menſchen thun, was ſie für den Hund thut?“
Der Doctor Louis blieb einen Augenblick nach⸗ denkend.
Plötzlich aber ſagte er:
„Seien Sie auf Ihrer Hut, mein Herr! was Sie da auseinandergeſetzt haben, iſt nur eine per⸗ ſönliche Beobachtung, es iſt ein merkwürdiges, intereſ⸗ ſantes Factum; die Wiſſenſchaft ſtützt ſich aber nicht auf Ausnahmen. Meiner Anſicht nach risquiren Sie das Leben des Verwundeten, indem Sie eine Theorie anwenden, welche im Widerſpruche mit der ganzen chirurgiſchen Wiſſenſchaft von Ambroiſe Paré bis auf Jean Louis Petit ſteht.“
Marat verbeugte ſich mit einer ruhigen Feſtig⸗ keit. Der Doctor Louis blieb aber beharrlich.
„Ich nehme die Sache auf mich,“ ſagte Marat.
„Geben Sie wohl Acht, mein Herr,“ entgegnete der Doctor Louis:„die Chirurgie erhebt ſich ſeit kurzer Zeit wieder; es iſt für die Wundärzte, welche geſtern noch Barbiere und Pflaſterſtreicher, Bedürf⸗ „ihrem Stande Achtung zu verſchaffen, und das
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