Teil eines Werkes 
6.-10. Bdchn (1855)
Entstehung
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deſſen ſie ſich, als ſie Auger erſcheinen ſah, nicht er⸗ wehren konnte.

Auger, der ſeine Rede lange und mit vielem Nachdenken vorbereitet hatte, plaidirte ſeine Sache

mit einem vollendeten Malertalente; er war beredt

und brachte Rötif zurück.

Die Menſchen von Einbildungskraft können nie Erfahrung erlangen; ſie ſehen zu ſehr das, was ſie träumen, um das, was iſt, gut zu ſehen.

Ingénue benützte alle dieſe Rührungen, um mit den klaren Augen der Unſchuld den Mann anzu⸗ ſchauen, der beinahe ſo unheilbringend für ſie ge⸗ weſen wäre.

Anger war durchaus nicht häßlich; er hatte eher etwas Gemeines als etwas Widriges; mehrere gute Eigen⸗ ſchaften können in der Phyſiologie eine Mangelhaf⸗ tigkeit conſtituiren, wie mehrere Fehler eine Art von Schönheit, die beſonders, welche man die Phyſiogno⸗ mie nennt, hervorbringen können.

Lebhafte Augen, deren Ausdruck bis zur Unver⸗ ſchämtheit ging, ein Wald von Haaren, ſchöne Zähne, ein geſundes Ausſehen, dies war der Mann; er war gut gebaut in ſeiner kleinen Taille und äußerſt ſorg⸗ fältig gekleidet; doch er hatte eine niedrige, zurüc⸗

weichende Stirne und einen durch die Gewohnheit

trivialer Ausdrücke verdorbenen Mund.

Leider war Ingénue unfähig, zu argwohnen, was Alles ein Mund wie dieſer verrieth. Hiedurch erfolgte, daß der Eindruck, den auf ſie ihre ſtill⸗ ſchweigende Prüfung machte, Auger nicht ganz ſo ungünſtig war, als man hätte glauben ſollen.

Alles, was wir von ſeiner Zerknirſchung, von

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