Teil eines Werkes 
6.-10. Bdchn (1855)
Entstehung
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Doch nach dem Siege kam die Beſorgniß wieder ſtärker als je, und der Zweifel, dieſer Roſt der Liebe, ſing an ſich ihres Herzens zu bemächtigen.

Ingénue fragte ſich, ob in der That die Erfah⸗ rung der Väter nicht gemacht ſei, um die Kinder aufzuklären, und Ingénue bebte bei dem Gedanken, ſie könnte genöthig ſein, an die Erfahrung von Rétif zu glauben.

Sie bildete ſich ein, Chriſtian habe bei ihr nur eine Beluſtigung geſucht; die Liebe, die er ihr aus⸗ gedrückt, ſei nichts Anderes als eine Laune geweſen, die er habe befriedigen wollen; mit einem Worte, ſie kam dahin, daß ſie dachte, Chriſtian, da er zu viel Schwierigkeiten geſehen, um bis zu ihr zu ge⸗ langen, habe ſich auf eine andere Seite gewandt.

Die von Rétif vorangeſtellte Macchiavelliſche

zwiſchen ihr und dem Grafen von Artvis, bot ſich nicht einmal dem Geiſte des Mädchens: dieſe vom Romanenſchreiber, als ein Thätigkeitsmittel, einge⸗ blaſene Idee war auf der Stelle durch Alles das, was ſich an reinen und edlen Elementen in der Ein⸗ bildungskraft von Ingénue fand, zurückgewieſen worden und hatte ſich in unſichtbaren Dunſt auf⸗ gelöſt.

Eine redliche Einbildungskraft hat ſtäte, ſichere Blicke, deren Tiefe die geſchickteſten Combinationen der am weiteſten vorgerückten Erfahrungen in Ver⸗ wirrung bringt und gleichſam aus dem Felde ſchlägt.

Rétif folgte übrigens in dem unſchuldigen Her⸗ zen von Ingénue dem verzehrenden Gange dieſer

Ideen. Er wünſchte ſich Glück zu einer Melancholie,

Idee, Chriſtian ſei nur eine ſchändliche Mittelsperſon