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ſitzend, las er ſtatt ſeines Breviers eine Brochure, die ſo eben erſchienen war und von den Einen Herrn von Mirabeau, von Anderen Herrn Danton, von
Anderen wieder Anderen zugeſchrieben wurde. N
Immerhin iſt gewiß, daß die Schrift, wer auch ihr Verfaſſer ſein mochte, äußerſt patriotiſch war.
Dieſer würdige Pfarrer, ein Zögling der Men⸗ ſchenliebe des Jahrhunderts und gewiegt von der Port⸗Royal⸗Philoſophie, übte einen Fantaſiecultus, der noch nicht definirt war, aber ſechzig Jahre ſpäter durch die Lehre des Abbé Chatel repräſentirt werden ſollte; es war eine Miſchung von Unglauben und Religion, einen revolutionären Glauben für den Ge⸗ brauch der redlichen Leute bildend: der gefährlichſte von allen Glauben, weil er die Leute an Gott zu glauben dispenſirte.
Doch der würdige Pfarrer betrachtete das nicht von ſo nahe; man lebte nicht mehr in der Zeit der Prälaten, welche zugleich die Uebung des Gei⸗ ſtes und des Gewiſſens ad usum Eeclesiae coor⸗ dinirten.
Vollgepfropft ſowohl von patriotiſchen, als phi⸗ loſophiſchen Lecturen, reſpectirte unſer würdiger Pfar⸗ rer Gott, bekümmerte ſich aber unendlich viel mehr, als es der Papſt geſtattet hätte, um die zeitlichen Angelegenheiten Frankreichs. Das war ſicherlich einer von den Geiſtlichen, welche vier Jahre ſpäter mit Begeiſterung den Eid der Conſtitution leiſteten und der Revolution aus ihren Wickelbändern hervor⸗ gehen halfen; ehrliche Utopiſten, reine Herzen, vor⸗
wurfsfreie Verräther, welche an Händen und Füßen
gebunden den Jacobinern den König und Gott über⸗
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