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den Spott. Es iſt eines der ſchönſten Vorrechte des verſtändigen Willens, ſich ſo ſelbſt zu befehlen. Be⸗ zähmen Sie, Madame, bezähmen Sie, doch ohne zu zwingen.“
Dieſe Vorſchrift des Arztes wurde mit einem ſo freundlichen und gutmüthigen Weſen gegeben, daß die Königin, obgleich ſie die Jronie fühlte, über das, was Gilbert ihr geſagt, nicht böſe werden konnte.
Nur nahm ſie den Angriff wieder auf, wo ſie ſich darin unterbrochen hatte, und ſprach:
„Hören Sie alfo die Jugenderinnerung, von der
ich rede.“ 5 Gilbert verbeugte ſich, um zu bezeichnen, daß er öre. Die Königin raffte ſich zuſammen, heftete ihren Blick auf den ſeinigen und ſagte:
„Ich war damals Dauphine und wohnte in Trianon. Es war in den Gärten ein kleiner, ganz ſchwarzer, ganz erdfarbiger, ganz verdrießlicher Junge, eine Art von kleinem Jean Jacques, der mit ſeinen gekrümmten Pfoten gätete, abraupte, grub. Er hieß Gübert.“
.„Das war ich, Madame,“ ſagte der Doctor phleg⸗ matiſch.
„Sie?“ verſetzte Marie Antvinette mit einem Aus⸗ drucke des Haſſes.„Ich hatte alſo Recht! Sie ſind alſo kein Mann der Studien!“
„Ich denke, da Eure Majeſtät ein ſo gutes Ge⸗ dächtniß hat, ſo erinnert ſie ſich wohl auch der Epoche,“ ſagte Gilbert.„Es war, wenn ich mich nicht täuſche, im Jahr 1772, als der kleine Gärtnerjunge, von dem Eure Majeſtät ſpricht, die Erde in den Blumenbeeten von Trianon umgrub, um ſeinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wir ſind im Jahre 1789. Die Dinge, welche Sie berühren, Madame, ſind folglich vor ſieb⸗ zehn Jahren vorgefallen. Das ſind viele Jahre in der Zeit, in der wir leben. Das iſt mehr, als man braucht, um aus einem Wilden einen Gelehrten zu machen; die


