11⁰
XXVII. Olivier von Charny.
Die Königin, als ſie in ihr Boudoir eintrat, fand hier denjenigen, welcher das von der Kammerfrau über⸗ brachte Billet geſchrieben hatte.
Es war ein Mann von fünf und dreißig Jahren, von hoher Geſtalt, mit einem Kraft und Entſchloſſen⸗ heit bezeichnenden Geſicht; ſein graublaues, lebhaftes Auge, ſo durchdringend wie das eines Adlers, ſeine gerade Naſe, ſein ſcharf ausgeprägtes Kinn gaben ſei⸗ ner Phyſiognomie einen martialiſchen Charakter, erhöht durch die Eleganz, mit der er das Kleid des Lieute⸗ nant bei den Gardes⸗du⸗corps trug.
Seine Hände zitterten noch unter ſeinen zerriſſe⸗ nen und zerknitterten Batiſtmanchetten.
Sein Degen war verbogen worden und fügte ſich nicht mehr gut in die Scheide.
Bei der Ankunft der Königin ging er mit haſtigen Schritten, von tauſend fieberhaften Gedanken bewegt, im Zimmer auf und ab.
Marie Antoinette trat gerade auf ihn zu.
„Herr von Charny!“ rief ſie,„Herr von Charny, Sie hier?“
uUnd als ſie ſah, daß derjenige, welchen ſie ſo an⸗ rief, ſich, nach der Etiquette, ehrfurchtsvoll verbeugte, winkte ſie einer Kammerfrau; dieſe entfernte ſich und ſchloß die Thüren.
Die Königin ließ der Thüre kaum Zeit, ſich zu ſchließen, nahm Herrn von Charny kräftig bei der Hand und rief:
„Graf, warum ſind Sie hier?“
„Weil ich glaubte, es ſei meine Pflicht, zu kom⸗ men, Madame,“ erwiederte der Graf.
„Nein; Ihre Pflicht war, Verſailles zu fliehen,


