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Freundſchaft, mit der ſie uns beehrt hat, bedrohen. Es iſt ein ſchmerzliches Mittel, ein für unſere Herzen bit⸗ teres Opfer, wir müſſen uns jedoch demſelben unterziehen, denn es iſt uns von der Nothwendigkeit geboten.“
Bei dieſen Worten war die Reihe, zu erbleichen, an der Königin. Denn fie fühlte nicht mehr die muthige
und treue Freundſchaft, ſondern die Furcht unter dieſem
Eingang und unter dem Schleier dieſer ſchüchternen Zurückhaltung.
„Laſſen Sie hören, Herzogin,“ ſagte ſie,„ſprechen Sie, was für ein Opfer iſt das?“
„Oh! es iſt ganz nur ein Opfer für uns, Madame,“ antwortete die Herzogin.„Wir ſind, Gott weiß warum,
in Frankreich verhaßt. Indem wir Ihren Thron von
uns frei machen, werden wir ihm den Glanz, die ganze Wärme der Liebe des Volks wiedergeben, eine Liebe, welche durch unſere Gegenwart erloſchen oder zurück⸗ gedrängt worden iſt.“
„Sie ſollen ſich entfernen!“ rief die Königin aus⸗ brechend,„wer hat das geſagt? wer hat das verlangt?“ Und ſie ſchaute beſtuͤrzt, und indem ſie ſie ſanft nit der Hand zurückſchob, die Gräfin an, die den Kopf enkte.
„Ich nicht,“ erwiederte die Gräfin Jules.„Ich ver⸗ lange im Gegentheil, zu bleiben.“
Doch dieſe Worte wurden mit einem Ton geſpro⸗ chen, welcher beſagen wollte: Befehlen Sie mir, zu reiſen, Madame, und ich werde reiſen.
O heilige Freundſchaft, heilige Kette, die aus einer Königin und einer Dienerin zwei unauflöslich verbun⸗ dene Herzen machen kann! O heilige Freundſchaft, welche mehr Heroismus übt, als die Liebe, als der Ehrgeiz, dieſe edlen Krankheiten des menſchlichen Her⸗ zens! Dieſe Königin zerbrach plötzlich den goldenen Altar, den ſie dir in ihrem Herzen errichtet hatte; ſie bedurfte nur eines Blickes, eines einzigen, um zu ſehen, was ſie ſeit zehn Jahren nicht wahrgenommen hatte:


