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ſteigen pflegte, von ihren Strapazen ausruhten, fuhr Gilbert im Galopp nach Verſailles.
Es war ſpät, doch daran lag Gilbert wenig. Bei den Männern von ſeinem Schlage iſt die Thätigkeit ein Bedürfniß. Seine Fahrt würde vielleicht unnütz ſein, doch eine unnütze Fahrt war ihm lieber, als auf der Stelle zu bleiben. Bei den nervöſen Organiſatio⸗ nen iſt die Ungewißheit eine ſchkimmere Folter, als die erſchrecklichſte Wirklichkeit.
Er kam nach Verſailles um halb eilf Uhr; in gewöhnlicher Zeit wäre alle Welt zu Bette gegangen
und in den tieſſten Schlaf verſunken geweſen. Doch an
dieſem Abend ſchlief Niemand in Verſailles. Man hatte hier den Gegenſchlag der Erſchütterung empfangen, unter der Paris noch zitterte.
Die franzöſiſchen Garden, die Gardes⸗du⸗corps, die Schweizer, unterhielten ſich, rottenweiſe aufgeſtellt, an allen Ausgängen der Hauptſtraßen gruppirt, unter ſich oder mit den Bürgern, deren royaliſtiſche Geſin⸗ nung ihnen Vertrauen einflößte.
Denn Verſailles iſt zu jeder Zeit eine royaliſtiſche Stadt geweſen. Dieſe religiöſe Verehrung der Mo⸗ narchie, wenn nicht des Monarchen, iſt den Herzen ſei⸗ ner Bewohner ineruſtirt, wie eine der Eigenſchaften des Bodens. Da ſie bei den Königen und durch die Könige gelebt, da ſie immer den berauſchenden Wohl⸗ geruch der Lilien eingeathmet, da ſie das Gold der Kleider und das Lächeln der erhabenen Perſonen ge⸗ ſehen, ſo fühlen ſich die Bewohner von Verſailles, denen die Könige eine Stadt von Marmor und Por⸗ phyr gemacht haben, ſelbſt ein wenig Könige, und heute, heute noch, wo zwiſchen den Marmorn das Moos er⸗ ſcheint und zwiſchen den Platten Gras wächſt, heute, wo das Gold vom Täfelwerk zu verſchwinden im Begriff iſt, wo der Schatten der Parke einſamer iſt, als der der Gräber, würde Verſailles entweder gegen ſeinen Urſprung lügen, oder es muß ſich als ein Bruch⸗


