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Denkwürdigkeiten eines Arztes : Vierte Abteilung, Die Gräfin von Charny : 27.-33. Bändchen (1855) Mémoires d'un médecin
Entstehung
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der Mütter bei dieſer zweiten Geburt ſehen, welche noch hundertmal grauſamer als die, wo das Kind zum erſten Male aus ihrem blutenden Schooße abging; man müßte die alte Frau ſehen, wie ſie mit trockenen Augen, mit gebrochenem Herzen, in Eile die paar Kleidungsſtücke

zuſammenrafft, die das Kind mitnehmen wird, dann die

armſeligen Erſparniſſe, die ſie ſich ſelbſt durch das Faſten ihrem Sohne zu Liebe für dieſen letzten Tag der Schmer⸗ zen geſtohlen hat.

Ihre Kinder dieſem Kriege geben, der ſich mit ſo wenig günſtigen Ausſichten eröffnete, ſie dieſer äußerſten, verzweifelten Lage opfern, das war mehr, als die Mei⸗ ſten von ihnen thun konnten: ſie unterlagen dieſen Qua⸗ len, oder wurden durch eine natürliche Reaction von Wuthanfällen ergriffen; ſie ſchonten nichts, fürchteten nichts; kein Schrecken hat Gewalt über einen ſolchen Zuſtand des Geiſtes. Welchen Schrecken gibt es für den, der den Tod will!

Man hat uns erzählt, eines Tags, ohne Zweifel im Auguſt oder im September, habe eine Bande von dieſen Weibern Danton auf der Straße getroffen, ihn geſchmäht, wie ſie den Krieg ſelbſt geſchmäht hätte, ihm die ganze Revolution, alles Blut, was vergoſſen worden, und den Tod ihrer Kinder vorgeworfen, ihn verflucht und Gott gebeten, es möge Alles auf ſein Haupt zurück⸗ fallen. Er war nicht befremdet, und obgleich er rings um ſich die Nägel fühlte, wandte er ſich ungeſtüm um, ſchaute dieſe Weiber an, und bekam Mitleid mit ihnen. Danton hatte viel Herz; er ſtieg auf einen Weichſtein und fing, um ſie zu tröſten, an ſie in ihrer Sprache zu ſchmähen: die erſten Worte waren heftig, burlesk, obſcön. Sie ſind ganz verblüfft: ſeine wahre oder fingirte Wuth bringt ſie in ihrer Wuth aus der Faſſung. Dieſer wun⸗ derbare, inſtinctartige und berechnete Redner hatte zur volksthümlichen Baſis ein ſinnliches und ſtarkes Tempera⸗ ment; ganz gemacht für die phyſiſche Liebe, wo das