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machen. Das iſt ein verſchmitzter Kopf, ein geſchmeidi⸗ ger Charakter, ein falſcher Blick; er hat eine große Freude über die patriotiſche Wahl, die er Dir zu verkündigen beauftragt ſei, ausgedrückt; es würde mich nicht wun⸗ dern, wenn er dahin wirkte, daß man Dir früher oder ſpäter den Abſchied gäbe.“
„Das iſt Punkt für Punkt meine Anſicht,“ ſprach Roland.
Und Beide legten ſich mit ihrer gewöhnlichen Ruhe zu Bette, ohne daß der Eine oder die Andere vermu⸗ thete, die eiſerne Hand des Geſchickes habe ihre zwei Namen mit Blutbuchſtaben auf die Tabletten der Revo⸗ lution geſchrieben.
Am andern Morgen leiſtete der neue Miniſter der Nationalverſammlung den Eid, dann begab er ſich in die Tuilerien.
Roland hatte Schuhe mit Schnüren an, obne Zwei⸗ fel, weil er kein Geld beſaß, um Schnallen zu kaufen; er trug einen runden Hut, da er nie einen andern ge⸗ tragen.
Er begab ſich in ſeiner gewöhnlichen Tracht nach den Tuilerien; er war der Letzte in der Reihe ſeiner Collegen.
Der Ceremonienmeiſter, Herr von Brézé, ließ die fünf Erſten vorbeigehen, hielt aber Roland an.
Roland wußte nicht, warum man ihm den Eintritt verweigerte.
„Ich auch,“ ſagte er,„ich bin Miniſter wie die Anderns Miniſter des Innern ſogar!“
Der Ceremonienmeiſter ſchien ganz und gar nicht überzeugt.
Dumouriez hörte den Streit und trat dazwiſchen.
„Warum verweigern Sie Herrn Roland den Ein⸗ tritt?“ fragte er.
„Ei! mein Herr,“ rief der Ceremonienmeiſter, die Hände ringend,„ein runder Hut! und keine Schnallen!“
Die Gräfin von Charny. VI. 14


