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Die Päpſte, welche Avignon nach Clemens V. be⸗ wohnten, nämlich Johann XXII., Benedict XII., Cle⸗ mens VI., warteten nur auf eine Gelegenheit, um Avig⸗ non zu kaufen.
Sie bot ſich für den Letzten.
Eine noch minderjährige junge Frau, Johanna von Neapel, wir ſagen nicht verkaufte es, ſondern gab es für die Abſolution eines Mordes, den ihre Liebhaber be⸗ gangen hatten.
Volljährig geworden, reclamirte ſie gegen die Ab⸗ tretung; doch Clemens VI. hielt feſt.
So daß, als Gregor XI. im Jahre 1377 den Sitz des Papſtthums wieder nach Rom verlegte, Avignon, von einem Legaten verwaltet, dem heiligen Stuhle un⸗ terworfen blieb.
Es war noch ſo 1791, als die Ereigniſſe kamen, welche dieſe lange Abſchweifung veranlaßt haben.
Wie an dem Tage, wo Avignon noch zwiſchen dem König von Neapel, Grafen von Provence, und dem König von Frankreich, Grafen von Tonlouſe, getheilt war, gab es zwei Avignon in Avignon: das Avignon der Prieſter, das Avignon der Handelsleute.
Das Avignon der Prieſter hatte hundert Kirchen, zweihundert Klöſter, ſeinen Palaſt des Papſtes.
Das Avignon der Handelsleute hatte ſeinen Fluß, ſeine Arbeiter in Seidenzeugen, ſeinen Tranſit von Lyon nach Marſeille, von Nimes nach Turin.
Es gab gewiſſer Maßen in dieſer unglücklichen Stadt die Franzoſen des Königs und die Franzoſen des Papſtes.
Die Franzoſen von Frankreich waren wirklich Fran⸗ zoſen; die Franzoſen von Italien waren faſt Italiener.
Die Franzoſen von Frankreich gaben ſich viel Mühe, arbeiteten viel, um zu leben, um ihre Frauen, um ihre Kinder zu ernähren, und es gelang ihnen kaum.
Die Franzoſen von Italien, das heißt die Prieſter, hatten Alles, Reichthum und Macht; das waren Aebte,


