Teil eines Werkes 
Denkwürdigkeiten eines Arztes : Vierte Abteilung, Die Gräfin von Charny : 17.-20. Bändchen (1853) Mémoires d'un médecin
Entstehung
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166 liche Geheimniß erfahrend, entſchloſſen hätte, Ihnen zu ſagen, daß ich Sie liebe?

Wenn Sie das gethan hätten, ſo wären Sie der Edelſte, der Hochherzigſte der Menſchen!

Ich liebe Sie, Andrée, wiederholte Charny,ich liebe Sie! ich liebe Sie!.

Ach! rief Andrée, ihre Arme zum Himmel erbe⸗ bend,mein Gott! ich wußte nicht, daß es eine ſolche Freudè in dieſer Welt geben könnes

Aber ſagen Sie mir nun, Andrée, daß Sie mich lieben.

Oh! nein, ich werde es nie wagen! erwiederte Andrée;leſen Sie jedoch dieſen Brief, der Ihnen auf Ihrem Sterbebette übergeben werden ſollte.

Und ſie reichte dem Grafen den Brief, den er ihr zurückgebracht.

Während Andrée ihr Geſicht mit ihren beiden Hän⸗ den bedeckte, erbrach Charny lebhaft das Siegel dieſes Briefes, las ſeine erſten Zeilen und gab einen Schrei von ſich; dann entfernte er von ihrem Geſichte die Hände von Andrée, zog ſie beinahe mit derſelben Bewegung an fein Herz und ſprach:

Seit dem Tage, wo Du mich geſehen, ſeit ſechs Jahren! o heiliges Weſen, wie werde ich Dich je genug ſeben, um Dich vergeſſen zu laſſen, was Du gelit⸗ ten haſt.

Mein Gott! flüſterte Andrée, ſich biegend wie ein Rohr uuter dem Gewichte von ſo viel Glück,wenn das ein Traum iſt, gib, daß ich nie erwache, oder daß ich erwachend ſterbe!..

Und nun wollen wir diejenigen, welche glücklich ſind, vergeſſen, um zu denen zurückzukehren, welche lei⸗ den, welche kämpfen oder haſſen, und vielleicht wird ſie ihr böſes Geſchick vergeſſen wie wir.