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Tod eines Bruders bereiten mußte, haben Sie Zelt ge⸗ habt, an mich zu denken, mein Herr?“ ſagte Andrée mit
ſo ſchwacher Stimme, daß ihre Worte kaum verſtändlich
waren. Zum Glück hörte Charny mit dem Herzen und mit den Ohren zugleich.
„Madame,“ ſprach er,„hatten Sie meinen Bruder
nicht mit einem Auftrage für mich betraut?“
„Mein Herr!“ ſtammelte Andrée, indem ſie ſich auf ein Knie erhob und den Grafen mit Bangigkeit an⸗ ſchaute.
„Hatten Sie ihm nicht einen Brief an mich über⸗ geben?“
„Mein Herr!“ wiederholte Andrée mit bebender Stimme.
Nach dem Tode des armen Iſidor ſind mir ſeine Papiere eingehändigt worden, Madame, und Ihr Brief vefand ſich unter dieſen Papieren.“
„Sie haben ihn geleſen?“ rief Andrée, ihren Kopf
in ihren Händen verbergend.„Ach!“
„Madame, ich ſollte den Inhalt dieſes Briefes nur kennen lernen, wenn ich auf den Tod verwundet wäre, und Sie ſehen, ich bin wohlbehalten.“
„Alſo iſt der Brief...
„Hier iſt er unberührt und ſo, wie Sie ihn meinem Bruder übergeben haben, Madame.“
„Oh!“ murmelte Andrée, während ſie den Brief
nahm,„was Sie da thun, iſt ſehr ſchön oder ſehr
grauſam!“
Charny ſtreckte den Arm aus, nahm die Hand von Andrée und legte ſie in ſeine Hände.
Andrée machte eine Bewegung, um ihre Hand zu⸗ rückzuziehen.
Dann, als Charny flüſternd:„Ich bitte, Madame,“ dies nicht duldete, gab ſie einen Seufzer beinahe der
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