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Leichname ſeines Bruders gefunden worden, und die er im erſten Augenblick der Ruhe mit derſelben frommen Gewiſſenhaftigkeit, mit der er ein Teſtament geleſen hätte, zu leſen ſich gelobte.
Hinter den Mädchen, welche Madame Royale wie Schweſtern küßte, erſchienen die Eltern: es waren, wie
geſagt, beinahe alle entweder würdige Bürger oder alte
Edelleute; ſie kamen ſchüchtern und baten in Demuth um
die Gnade, ihren unglücklichen Souverain begrüßen zu dürfen. Der König ſtand auf, als ſie erſchienen, und die Königin ſprach mit ihrer weichſten Stimme:
„Treten Sie ein!“
War man in Chalons? war man in Verſailles? hatten wirklich ein paar Stunden vorher die Gefange⸗ nen den unglücklichen Herrn von Dampierre unter ihren Augen ermorden ſehen?
Nach einer halben Stunde kam Charny zurück.
Die Königin hatte ihn weggehen und zurückkehren ſehen, doch ſelbſt dem ſchärſſten Auge wäre es unmöglich geweſen, auf ihrem Geſichte etwas von dem Gegenſchlage zu leſen, den ihrer Seele dieſer Abgang und dieſe Rück⸗ kehr gaben.
„Nun?“ fragte der König ſich gegen Charny neigend.
„Sire,“ antwortete der Graf,„Alles ſteht auf das Beſte. Die Nationalgarde erbietet ſich, Eure Majeſtät morgen nach Montmédy zurückzuführen.“
„Sie haben alſo etwas beſchloſſen?“
„Ja, Sire, ich habe mit den oberſten Chefs Ver⸗ abredung getroffen. Morgen vor der Abfahrt wird der
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König die Meſſe zu hören verlangen; man kann ſich die⸗
ſem Verlangen Eurer Majeſtät nicht widerſetzen, es iſt das Fronleichnamsfeſt. Der Wagen wird den König vor der Thüre der Kirche erwarten; wenn er heraus⸗ kommt, wird der König in den Wagen ſteigen, die
Vivat werden erſchallen, und unter dieſen Vivat wird 1


