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ſondern auch der Stadt, hatte eine ſchöne Rede auswen⸗ dig gelernt, die ſie zu wiederholen ſich anſchickte; doch bei dieſem Rufe der Königin, bei dieſen gegen ſie ge⸗ öffneten Armen, bei dieſer Gemüthsbewegung der könig⸗ lichen Familie fand die Arme nur Thränen und die aus der tiefſten Tiefe der Bruſt hervorgehenden, die allge⸗ meine Meinung zuſammenfaſſenden Worte:
„Oh! Eure Majeſtät, welch ein Unglück!“
Die Königin nahm den Strauß und küßte das
Mädchen.
Charny neigte ſich während dieſer Zeit an das Ohr des Königs und ſagte leiſe:
„Sire, vielleicht iſt ein Vortheil aus der Stadt zu ziehen; vielleicht iſt noch nicht Alles verloren; will mir Eure Majeſtät auf eine Stunde Urlaub geben, ſo werde ich hinabgehen, und ihr dann, wenn ich zurückkomme, Bericht erſtatten über das, was ich geſehen, gehört und
vielleicht auch gethan habe.“
„Gehen Sie, mein Herr,“ erwiederte der König, „doch ſeien Sie vorſichtig; wenn Ihnen Unglück wider⸗ fahren würde, ſo könnte ich mich nie tröſten. Ach! es iſt ſchon genug mitzwei Todesfällen in derſelben Familie!“
„Sire,“ ſprach Charny,„mein Leben gehört dem König, wie ihm das meiner Brüder gehörte.“
Und er ging hinaus.
Während er aber wegging, wiſchte er ſich eine Thräne ab.
Es bedurfte der Gegenwart der ganzen königlichen Familie, um aus dieſem Manne mit dem feſten, aber zärtlichen Herzen den Stoiker zu machen, der zu ſcheinen er ſich anſtrengte; fand er ſich wieder ſich ſelbſt gegen⸗ über, ſo fand er ſich ſeinem Schmerze gegenüber.
„Armer Iſidor!“ murmelte er.
Und er drückte mit ſeiner Hand an ſeine Bruſt, um zu ſehen, ob in ſeiner Taſche immer noch die ihm von Herrn von Choiſeul überbrachten Papiere ſeien, welche auf dem


