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nur hatte ſich in dieſe Gefühle ein gewiſſer Anſtrich von Traurigkeit und Schwermuth gemiſcht, die ihm wahrſcheinlich angeboren und eine Folge der Ereig⸗ niſſe war, welche ſeine Geburt begleitet hatten.
Er bot das eigenthümliche Bild eines Menſchen dar, der weder Neigungen noch Wünſche beſitzt. Der Catechismus hatte ihn den Namen der Leiden⸗ ſchaften gelehrt, aber als er größer wurde, hatte er ihn vergeſſen; gänzlich der Liebe hingegeben, voll⸗ ſtändig von Mathilde abſorbirt und in Mathilde lebend, fügte er ſich mit bewundernswürdiger Schmieg⸗ ſamkeit in die kleinen Launen ſeiner Frau, die et⸗ was aufgeweckter war als er und bei der Epiſode der Flucht zum Mindeſten die Hälfte, wo nicht drei Viertel der Schuld getragen haben mußte; im Uebrigen führten dieſe Launen, da ihnen unmittel⸗ bar nach ihrer Kundgebung willfahrt wurde, und da ſie in dem engen Rahmen begrenzt blieben, worin unſere Eheleute lebten, keine Erſchütterung, keine Wolke, keine Störung in ihrer Exiſtenz herbei, welche des goldenen Zeitalters würdig war.
Nie hatte der Chevalier de la Graverie einen neugierigen Blick über die Mauern hinausgeworfen, die ſein irdiſches Paradies umſchloſſen; inſtinctmä⸗ ßig, ohne daß er ſich darüber Rechenſchaft gab, machte die Welt ihm Angſt, der Lärm von außen erregte ihm Schauder, und er hielt ihn ſo gut als möglich von ſich fern, indem er ſich bei Tag die Ohren verſtopfte und bei Nacht ſeine Decke bis über die Augen heraufzog.
Er war daher gänzlich beſtürzt, als er, bereits
erſchüttert durch den Tod ſeiner Tante und noch


