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mit voller Muße hingeben. Die eine war das Ver— gnügen am Theaterbeſuch und das Intereſſe an Allem, was das Theater anging. Jetzt hatte er Gelegenheit, die jahrelange Entbehrung reichlich hereinzubringen, und ſo mußte ſchon ein ſehr wichtiges Hinderniß ein⸗ getreten ſein, wenn er mit ſeiner Frau eines Abends in der Vorſtellung fehlte und die beiden rückwärtigen Parterreplätze zum großen Erſtaunen der Nachbarn und Bedienſteten leer blieben. Die andere Beſchäf⸗ tigung, der er ſich mit der ganzen Leidenſchaft eines Liebhabers hingab, war die Inſpicirung ſämmtlicher Neu⸗ und Umbauten in der Reſidenz, die er tagtäglich auf ſeinen Rundgängen mit der gewiſſenhafteſten Pünkt⸗ lichkeit abhielt. Keiner der Baumeiſter hatte ſo genau den Stand der Arbeiten im Gedächtniſſe wie er, auch hatte er ſich ſchon ein ganz reſpectables Urtheil über techniſche Fertigkeiten, Bauführung und Wirkung der einzelnen Motive wie über den Geſammteindruck an⸗ geeignet, ſodaß es ihm nicht verdacht werden konnte, wenn er, obwohl die Unterſchiede des römiſchen, grie⸗ chiſchen, gothiſchen Bauſtils, der Renaiſſance und der modernen olla potrida nur ganz dunkel ahnend, dazu gekommen war, ſich für ein architektoniſches Genie zu halten, das nur leider ſchon in der Kindheit verkannt und gewaltſam erſtickt worden ſei.


