noch zwanzig Minuten weiter, ehe wieder Schritte auf der Treppe ſich hören ließen. Nun erſchienen zwei Damen, die zuſammen ins Frühſtückszimmer herabſtiegen, Mrs. Vanſtone und ihre älteſte Tochter.
Wenn die perſönlichen Reize von Mrs. Vanſtone in einer frühern Lebenszeit lediglich auf ihrer angeborenen engliſchen Schönheit in Farbe und Friſche beruht hätten, ſo mußte ſie ſchon lange die letzten Reſte ihres Ichs verloren haben; aber ihre Schönheit als junge Frau hatte ſich nicht auf die gewöhnlichen nationalen Reize be⸗ ſchränkt, und ſie war noch immer im Beſitze von Vorzügen, welche ſich weit ſeltener finden. Obſchon ſie in ihrem vier⸗ undvierzigſten Jahre ſtand, obſchon ſie in früheren Zeiten durch den frühzeitigen Verluſt von mehr als einem ihrer Kinder und durch lange Krankheitsanfälle, die Folgen des Kummers über jene Verluſte früherer Jahre, geprüft worden war, ſo bewahrte ſie doch das ſchöne Ebenmaß und die weiche Feinheit der Züge, die einſt mit dem alles verklärenden Glanze und der Jugendfriſche ihrer Schönheit ein ſo herrliches Ganze bildeten, welche letztere ſie freilich nun auf immerdar verloren hatte. Ihre älteſte Tochter, die eben an ihrer Seite die Treppe niederſtieg, war der Spiegel, in welchem ſie ſich ſelber aus früheren Jahren wiedererkennen und den Wiederſchein ihrer eigenen Jugend erblicken konnte. Da lag in dichten Flechten auf der Tochter Haupt das ſchwere dunkle Haar, das bei der Mutter immer ſtärker mit Grau ſich miſchte; da auf der Tochter Wangen glühte das lieblich hingehauchte Roth, welches auf denen der Mutter verblichen war, um nie wieder aufzublühen. Miſs Vanſtone hatte ſchon die erſte Reife des Weibes erreicht: ſie hatte ihr ſechs und zwan⸗ zigſtes Jahr vollendet. Wenn ſie den dunklen majeſtätiſchen Charakter der Schönheit ihrer Mutter erbte, ſo hatte ſie doch deren Reize ſchwerlich alle geerbt. Obgleich der Schnitt ihres Angeſichts derſelbe war, waren doch die Züge kaum ſo zart, auch jenes Ebenmaß fehlte. Sie war auch nicht ſo groß. Sie hatte die dunklen braunen Augen


