Walpurga durfte den weiten Weg zur Kirche noch nicht mitgehen; ſie mußte daheim bleiben. Ihr Ge⸗ ſpiel, das Mädchen, das am vorigen Sonntag das Gebet für die Königin auf ſie gewendet hatte, blieb bei ihr. Walpurga ſaß im Lehnſtuhl der Großmutter und ſchaute durch das Gitterfenſter, wo Nelken, Gelb⸗ veigelein und Rosmarin blühten, hinaus auf den See und den blauen Himmel und horchte auf die hallenden Glockentöne.
„Jetzt geht mein Kind zum Erſtenmal in die weite Welt und ich bin nicht bei ihm,“ ſagte ſie;„ſo wird's nun, und ich werde einmal in die andere Welt gehen und gar nicht mehr bei ihm ſein, und ich meine doch, ich hab's noch immer bei mir.“
„Ich weiß gar nicht, warum Du heut ſo ſchwer⸗ gemuth biſt,“ ſagte das Geſpiel;„wenn man beim Heirathen ſo wird, dann heirath' ich nie!“
„Geh!“ erwiderte Walpurga in kurzem Tone; es war leicht verſtändlich, was ſie damit meinte. Nach einer Weile fuhr ſie mit bewegter Stimme fort:„Ich bin nicht ſchwergemuth. Mir iſt nur, als wär' ich mit meinem Kind noch einmal auf die Welt gekommen. Ich weiß nicht, ich bin eine ganz Andere. Schau, mein Lebenlang hab' ich noch nicht ſo ruhig gelegen⸗ wie dieſe vielen Tage— ſo daliegen, geſund ſein und nichts thun, nur vor ſich hindenken, ſchlafen, auf⸗ wachen, dem Kinde trinken geben, und die Menſchen bringen Einem Alles.. Ich hab' Dir ſo viel gedacht und ſinnirt, wie wenn ich ſieben Jahr lang eine Ein⸗ ſiedlerin im tiefen Wald geweſen wär'; ich mein', ich


