Sechstes Buch: Johanna Seymvur. 195
Der Erfolg war ſo unzweideutig, daß Norris ſogleich von dem Richter als Sieger erklärt ward. Jedoch erfolgte, aus Furcht den König zu beleidigen, kein Beifall auf dieſe Entſcheidung.
Norris ſtieg ab, und ſein Roß der Obhut ſeines Schild⸗ trägers, ſo wie ſeine Lanze ſeinem Pagen übergebend, nahm er ſeinen Helm ab und ſchritt auf die königliche Gallerie zu, neben welcher der Graf von Surrey und Sir Thomas Wyat ſtanden und mit den andern Damen plauderten. Indem Norris ſich näherte, lehnte ſich Anna über den Rand der Gallerie, lächelte ihm zärtlich entgegen und ließ, ob abſicht⸗ lich voder zufällig, ihr geſticktes Taſchentuch fallen.
Norris bückte ſich, um es aufzuheben, indem er dabei einen Blick der leidenſchaftlichſten Hingebung auf ſie heftete.
Ein furchtbares Auge richtete ſich jedoch in dieſem Augenblick
auf das unglückliche Paar. Es war das des Königs. Wäh⸗ rend Heinrich vor der Gallerie einhergalloppirte, um von Johanna Seymour ein freundliches Lächeln zu gewinnen, näherte ſich ihm der lange Mönch und ſagte:—„Seht Sir Heinrich Norris an!“
In Folge dieſer Aufforderung ſchlug Heinrich das Viſier auf, um deutlicher ſehen zu können, und erblickte Norris, wié er das geſtickte Schnupftuch aufnahm, welches er als ein in den erſten Tagen der Liebe der Königin geſchenktes wiedererkannte.
Der Anblick erbitterte ihn faſt zum Wahnſinn und er unterdrückte ſeinen Zorn nur mit der größten Mühe. Wenn aber dieſe geringfügige Geberde, die freilich durch die beider⸗ ſeitigen Blicke an Bedeutung gewann, ſchon ſeine Wuth entflammte, ſo war es doch nichts im Vergleich zu dem, was hierauf erfolgte. Anſtatt der Königin das Taſchentuch wieder zuzuſtellen, drückte Norris es, der Gefahr unbewußt, der er ſich blosſtellte, inbrünſtig an die Lippen.
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