Teil eines Werkes 
1. - 4. Bd. (1846)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

114

Der Baron von Rodach that einen Schritt über die Schwelle. Sein Blick, der ſich auf Gertrud richtete, war mild wie der eines Vaters.

„Mein ſchönes Kind,“ ſagte er,„ich bin nun zu Ihnen hereingetreten, ohne Ihre Antwort abzu⸗ warten. Sie haben mich vielleicht vergeſſen, aber ich erkannte Sie ſogleich wieder, weil ich mich Ihrer guten Mutter erinnere, deren Züge Sie haben wie wahrſcheinlich auch das Herz.“

Gertrud ſchlug ihren ſchüchternen Blick zu ihm auf. Rodach lächelte. Es lag in dieſem Lächeln eine gewiſſe liebkoſende Zäͤrtlichkeit. Wäre die Furcht Gertruds nur die ſcheue Verlegenheit ihres Alters geweſen, ſo würde ſie durch dieſes offene Lächeln ſchnell verſcheucht worden ſein; aber der Kopf Ger— truds war in dieſem Augenblicke voll von fanatiſcher Angſt.

Ihre Augenlider ſenkten ſich von neuem.

Rodach betrachtete ſie nochmals einige Augen⸗ blicke.

„Arme Gertrud!“ flüſterte er und er dachte da nicht an das Mädchen, das in aller Kraft der Jugend vor ihm ſtand, ſondern an die andre Gertrud, an die arme Tochter Deutſchlands, die ſonſt auch ſchön, jung und lächelnd geweſen, jetzt aber todt war.

Eine ganze ferne Vergangenheit kehrte ihm mit dieſem Gedanken zurück, aber er hatte keine Zeit ſich