Ein Stückchen Afrika. 455
meiner ſehr unangenehmen Ueberraſchung den Felſen von Gibral⸗ tar wohl rückwärts von uns liegen, aber trotz Regen und Nebel⸗ dunſt ſo deutlich, daß ich wohl abſchätzen konnte, wir ſeien noch nicht viele Seemeilen von ihm entfernt.
Es war ein troſtloſer, garſtiger, grauer Morgen; Wind und Regen pfiff und ſauste durch's Takelwerk, die See war ſchmutzig gelb und kam uns rollend und ſchaumſpritzend in gewaltigen Wogenketten entgegen. Obgleich wir jetzt mit voller Kraft fuh⸗ ren, ſo kamen wir doch nur langſam vorwärts; ja zuweilen ſchien das Schiff ganz ſtill zu ſtehen unter dem wüthenden Anprallen der Wellen und in ſolchen Augenblicken erzitterte das ganze Gebäude, wie vor Angſt und plötzlichem Schreck. Sowohl unſer eigener, als auch der fremde Kapitän und nicht minder wir Paſſagiere waren froh, wenigſtens die Nacht hinter uns zu haben. Man kann Schiffbruch leiden und doch mit heiler Haut davon kommen, wie es mir vor Jahren im Meer von Marmora geſchehen; aber an dieſe Felſenküſten geworfen zu werden, iſt für Mannſchaft und Schiff der ſichere, unvermeidliche Untergang.
Unſer Dampfer war ſchwer mit Kaufmannsgütern beladen, hatte aber auch in der Vorkajüte wenig Paſſagiere. Hier befand ſich u. A. eine mauriſche Familie aus Oran, Vater, Mutter mit vier Kindern, armen, geduldigen Weſen, die bei verſchloſſener Lucke die Nacht ohne Betten zugebracht hatten und ſich nun freu⸗ ten, als das Tageslicht zu ihnen hereindrang. Namentlich die armen Kinder mit dem gelben, wachsbleichen Teint und großen, wunderſchönen Augen blickten verwundert um ſich und krochen zuweilen die Treppe hinauf, um ſich das Meer anzuſchauen. Anfänglich waren ſie ſcheu, wie Rehe, und wenn ſich Einer von uns blicken ließ, ſo flohen ſie behende in ihren Verſchlag zurück; nach und nach aber wurden ſie zutraulicher und nahmen Zwieback, Orangen und Zucker aus unſern Händen. So ſchmierig das Bettzeug auf dieſem unangenehmen Schiffe war, ebenſo unſauber waren auch Tiſchgeräth und Servietten; und um dieß


