— 2— nicht verſchweigen, daß ſie von ihrem unbeſtreitbaren Rechte, zu ſchreien und zu weinen, einen recht mäßigen Gebrauch machten, was wohl daher kommen mochte, daß ſie durch die eben vorgefallene Scene verſchüchtert waren. Genug, ſie hatten ſich in die Ecke des Sophas gedrückt, wobei ſich das kluge Mädchen bemühte, das Geſicht ihres Bruders von den Perſonen im Zimmer abzuwenden, was ihr auch nach einigen vergeblichen Verſuchen gelang. Da nun der Knabe mit ſeinem Hampelmann Naſe an Naſe ſtand, ſo ſchien es, als ob die Wangen dieſes edeln Hausfreundes von eigenen Thränen benetzt wären.
Victor war in dem Nebenzimmer geblieben, aus dem Alice ſo plötzlich verſchwunden, dann an das Fenſter ge⸗ treten und blickte mit übereinander geſchlagenen Armen auf die Straße hinaus. Er hatte wohl beſſer als alle Uebri⸗ gen den ſchwachen Aufſchrei des jungen, ſchönen und lieben
Mädchens verſtanden; ihm hatte es ein entſetzliches Gefühl
verurſacht, als vor ihren Ohren ſo ſchonungslos über ſein Leben und Treiben geſprochen wurde; er hatte wohl die Bedeutung des ernſten und ſchmerzlichen Blickes begriffen, den Herr Duvallet im erſten Augenblicke der Ueberra⸗ ſchung auf ihn geworfen. Es war das, wie bemerkt, nur ein einziger Blick geweſen, aber er war für ihn verſtändlicher, als hundert Worte, hundert Vorwürfe es geweſen wären.
Der Commerzienrath ſchritt einige Mal im Zimmer auf und ab, dann blieb er vor der Fremden ſtehen und ſprach mit ruhiger Stimme:
„Madame, Sie hatten die Abſicht, eine Stelle im Hauſe des Freiherrn von Molitor anzunehmen; ich habe durch Herrn Kohler, der Sie mir vorſtellte, die ſehr nothwendi⸗ gen einleitenden Schritte thun laſſen und erwarte den eben genannten Geſchäftsfreund jeden Augenblick, um dann das Weitere beſorgen zu können.“


