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Auf einmal aber überglänzte ein hoffnungsvoller Schein, gleich einem Sonnenſtrahl, das Antlitz der Mutter und erheiterte ihre Züge. Ein Gedanke blitzte in ihrer Seele auf und noch ein letztes Mittel fiel ihr ein, ihre Tochter in die Vergangenheit zurückzu⸗ verſetzen. Die Natur hatte ihr eine liebliche Stimme gegeben, und indem ſie Narramatta feſter an ſich zog, fing ſie auf einmal an, eines jener Wiegenlieder zu ſingen, mit denen ſie unzählige Male ihr Kind und Martha in den Schlaf gelullt hatte. Zufällig traf ſie eine Melodie, welche die kleine Ruth oft auch mit ihrer Geſpielin Martha geſungen; und ſobald ſie daher ihre ſüße, wenn auch ein wenig zitternde Stimme ertönen ließ, horchte Narramatta beinahe athemlos auf, und blieb unbeweglich ſitzen, wie eine Bild⸗ ſäule von Marmor. Nur in ihrem Auge zeigte ſich Leben; die Freude erglänzte darin mehr und mehr mit jedem Tone, und ſteigerte ſich bald zu einer Wonne, die ſich in jedem Zuge ihres Antlitzes, wie in ihrer ganzen Stellung ausſprach. Ruth bemerkte dieſen Erfolg; die Rührung verlieh ihrem Geſange etwas unaus⸗ ſprechlich Seelenvolles, und als ſie ſich beim zweiten Verſe auf ihr Kind niederbeugte, ſchimmerten die blauen Augen deſſelben in Thränen der Sehnſucht. Durch dieſes unverkennbare Zeichen des Gelingens ermuntert, ſetzte ſie ihre Bemühungen fort, und als Narramatta ſich dicht an ihr Herz lehnte und anfing, die Melodie mit leiſer, holder Stimme mitzuſingen, hüpfte ihr das Herz vor Wonne und Entzücken.
Content und Conanchet, ſo wie die Uebrigen bemerkten dieſe Zeichen der Erinnerung mit tiefer Bewegung, aser Jeder hütete ſich, die entſcheidende Scene durch einen Laut oder eine Bewegung zu unterbrechen. Ruth ſang das Lied zu Ende und Narramatta ſang immer leiſe mit. Endlich ſchwiegen Beide. Die Jungfrau lehnte am Herzen ihrer Mutter mit halb geſchloſſenen Augen, aus denen ſich eine Thräne hervordrängte, während ein Lächeln ihren lieblichen Mund umſpielte. Plötzlich richtete ſie ſich auf, ſchlang die Arme um Ruths Hals, preßte ſie feſt an ſich und fragte ganz in dem Tone der früheren kindlichen Liebe:
„Mutter, wo iſt Martha, meine Schweſter?«
Ein allgemeiner Schrei des Entzückens ertönte, denn jetzt, das ſahen Alle, war der Sieg gewonnen. Martha flog an Narramatta's Bruſt und küßte die Wiedergefundene unter Freudenthränen. Con⸗ tent umſchlang ihre zarte Geſtalt mit dem Arme, Marcus, ihr Bruder, drückte ihre Hand, und der alte Puritaner erhob dankend


