Teil eines Werkes 
1. - 2. Th. (1857)
Entstehung
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krankhaften Eigenliebe, die ſich ſelbſt empfindſames Gefühl nennt und

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Einundzwanzigſtes Kapitel.

Ein Verſuch über Charakter im Allgemeinen und ein gefährliches Experi⸗ ment am Charakter des Leſers insbeſondere.

Sehet, das Fenſter iſt offen! Wie inſtinktmäßig das Auge auf dem Grün ruht! Wie die ruhige Farbe es anlockt und ihm wohlthut! Aber hat denn das Grüne nur eine einzige Farbe? Sehet, wie un⸗ endlich die Mannigfaltigkeit ſeiner Tinten! Welcher düſtere Ernſt in jener Ceder, in jener regungsloſen Fichte! Welche lebhafte, aber un⸗ veränderliche Heiterkeit in jenen glänzenden Lorbeeren! Entzücken uns dieſe Tinten wie das Spiel in den jungen Blättern des Lilax— hier heller, dort dunkler, je nachdem der Wind(und ein ganz ſanfter Wind) ſie aufregt, ſo daß ſie buntſcheckig werden und ſich kräuſeln? O freundliches Grün, Du biſt für die Welt was ein freundlicher Cha⸗ rakter für das Menſchenleben iſt. Wer wollte alle deine lieblichen Abarten auf eine einzige Farbe zurückführen? Wer das dunkle dauer⸗ hafte Grün, das den Winter überlebt, ausſchließen? Oder die meu⸗ teriſche Laune der ſanfteren jüngeren Tinte, welche friſch durch die Thränen des Aprils kommt und mit ſchalkhaftem Gezitter die Blüthen des üppigen Juni überſchatten wird?

Glücklich der Mann, an deſſen ehelichem Herd Charakter freund⸗ lich aus den Augen des Weibes lächelt. Keine Gottheit iſt anweſend,

ſagt das heidniſche Sprüchwort, wo die Klugheit abweſend iſt; keine

Freude bleibt lange zu Gaſt, wo nicht Friede weilt, Friede ſo ähnlich der Treue, daß man ſie mit einander verwechſeln könnte, und Poeten haben ſie mit einem und demſelben Schleier bekleidet. Aber in der Kindheit, in früher Jugend erwarte nicht das wechſelloſe Grün der Ceder. Möchteſt Du einen ſchönen Charakter von geiſtloſer Blödig⸗ keit, von kalter Heuchelei unterſcheiden, ſo frage weniger nach dem Charakter als nach der Anlage.

Iſt die Natur freundlich und vertrauensvoll, iſt ſi frei von der