Teil eines Werkes 
1. Bd. (1845)
Entstehung
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So ſagte ich, rief Crauford,und indem ich für den armen Kerl Fürbitte einlegte, dem ich glück⸗ licherweiſe Verzeihung verſchaffte, konnte ich nicht umhin, zu erklären, daß, wenn ich in denſelben Ver⸗ hältniſſen wäre, ich nicht gewiß ſei, ob ich nicht daſ⸗ ſelbe Verbrechen begehen würde.

Kein Menſch kann deſſen gewiß ſein! ſagte Glendower niedergeſchlagen.

Erfreutund überraſcht durch dies Bekenntniß, ſprach Crauford weiter:Ich glauhe ich fürchte nicht Gott ſei Dank, unſere Tugend kann nie ſo geprüft werden; aber ſelbſt Sie, Glendower, ſelbſt Sie, Philoſoph, Moraliſt, wie Sie ſind gerecht, weiſe, religiös ſelbſt Sie könnten verſucht werden, wenn Sie Ihr engelgleiches Weib aus Mangel an Hülfe ſterben und Ihre unſchuldige und ſchöne Tochter ihre Hände zu Ihnen ausſtrecken ſähen und in den Tönen des Hungers um Brod ſchreien hörten.

Der Gelehrte antwortete einige Augenblicke nicht, ſondern wendete ſein Geſicht ab und ſagte dann in langſamem Tone:Laſſen Sie uns von dieſem Ge⸗ genſtande ſchweigen; keiner kennt ſeine Kräfte, bis ſie geprüft worden ſind. Das Selbſtvertrauen ſollte die Tugend begleiten, aber nicht ihr vorangehen.

Das gewöhnlich ruhige und kalte Auge Richard Crauford's erhellte ſich auf eine Sekunde.Er iſt mein, vachte er;ſchon die Erwähnung des Man⸗ gels demüthigt ſeinen Stolz; was wird denn die Wirk⸗ lichkeit thun? O menſchliche Natur, wie durchſchaue und verſpotte ich dich!