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(2002) 2/2002. Dezember 2002
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des Historikerkollegen Götz Aly blieb nie im Allgemeinen, hat immer Ross und Reiter genannt und musste noch nie einen Rückzieher machen. Seine Bücher- zuletztAuschwitz, die NSMedizin im Dritten Reich. Karrie- ren vor und nach 1945 haben eine Gesamtauflage von mehr als 500.000 Exemplaren erreicht, wie Walter H. Pehle vom 8. Fischer Verlag ausführte. Auch in Bad Nauheim wirkten vor und nach 1945 einige der NS-Täter, die im Widerspruch zu ihrer ärztli- n Verpflichtung, menschliches eid zu mindern, bedenkenlos mit Menschenversuchen ihre persönli- chen Karrieren vorantrieben und sich als Förderer der NSVernichtungsm- dedizin zur Verfügung stellten. Der SS-Arzt Aribert Heim im KZ Maut- hausen Hunderte von Judenabge- SPritzt. 1947/48 spielte er beim Vfl. Bad Nauheim Fishockey und arbeite- te in Friedberg als Assisten?arzt. Spã- ter praktizierte er in Süddeutschland und kam 1962 vermutliche nach ei- nem Tipp aus der Justizverwaltung- durch Flucht seiner Verhaftung zuvor. DerErbstatistiker Siegfried Köhler war bis 1940 in Bad Nauheim am Kerckhoff-Institut beschäftigt. Medizin im Dritten Reich bedeutete immer auch Selektion, zog Klee, der h ein Standardwerk über Euthana-

sie und die Vernichtung des so genann- tenunwerten Lebens geschrieben hat, eine bittere Bilanz. Die NS-Herr- scher waren bei weitem nicht die Ver- führer des medizinischen Personals, das die Vernichtung betrieb, vielmehr kursierten alle Ideen überErbge- Sundheit undRassehygiene bereits lange vor 1933. Das NS-Regime bot den Medizinern dann etwas, was viele Schon lange gefordert hatten: Sie konn- ten Menschen aus der Psychiatrie und den Konzentrationslagern als Ver-

suchspersonenverbrauchen. Die Forschungen waren bewusst und von vornherein auf den Tod der Opfer aus- gerichtet.

In Bad Nauheim leitete Fanz Voll- hard ein Sanatorium. Er war nicht Mitglied der NSDAP und konnte so fürKollegen dieEntlastungsgut- achten schreiben. Er war vor 1933 Freimaurer und wurde deshalb nicht in die Partei aufgenommen, war je- doch Mitglied in der Nationalsoziali- stischen Volkswohlfahrt undfõörden- des Mitglied der SS. Auch hat er an einer Tagung teilgenommen, bei der offen über die Menschenversuche re- feriert wurde, wie Ernst Klee recher- chierte.

An einer solchen Tagung haben auch Otto Gauer und Rudolf Thauer teilgenommen, die ab 1954 am Kerck- hoff-Institut arbeiteten, Thauer gar als Direktor. Vor 1945 hatte er unter an- derem für die Luftwaffean Men- schen selbst und an Hunden ohne Narkosegeforscht und bei Publi- kationen die Herkunft seiner Ver- suchspersonen verschwiegen. Bad Nauheim gedenkt seiner mit dem Rudolf-ThauerWeg eine Verhöh- nung der Opfer, wie nicht nur Ernst Klee sagt.

Hans Hirschmann

Der Artikel erschien am 4. 11. 02 in der Nordausgabe der Frankfurter Neuen Presse