Heft 
(2000) 1/2000. August 2000
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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer 31

I6 Farben preist sich alsVorreiter

Die Liquidatoren der IG Farben in Abwicklung haben auf der Jahres- hauptversammlung versprochen,in den nächsten Tagen eine Stiftung für NSOpfer zu gründen. Zugleich mach- ten sie am Mittwoch deutlich, dass sie sich nicht als richtige Adresse für An- sprüche ehemaliger Zwangsarbeiter begreifen: Vielmehr sei es der Konzern dernoch heute den größten Nutzen aus der I6 Farben ziehe.

Wenn Ernst Krienke an Zwi- schenrufer denkt, fällt ihm Hans Fran- kenthal ein. Schließlich ging das jahre- lang so. Frankenthal, ein ehemaliger Zwangsarbeiter der IG Farben, hatte es satt, die Beschwichtigungen des Aufsichtsratsvorsitzenden Krienke wãhrend der Jahreshauptversammlun- gen der Liquidationsgesellschaft an- zuhören. Frankenthal suchte den Kon- füikt mit den Nachlassverwaltern des Konzerns, den die Aliierten wegen sei- ner Verstrickungen in das NSSystem in Bayer, Hoechst, BASF und die Ab- wicklungsgesellschaft zerschlagen hat-

ten. Frankenthal gehörte auf Seiten GeKritischen Aktionäre zu denen, die aufdie sofortige Auflösung der seit 1945in Auflösung begriffenen 16 Farben dringen.

Bei ersten Zwischenrufen auf der Jahreshauptversammlung am Mitt- woch in Frankfurt musste Krienke wieder an Frankenthal denken. Denn eines wollte er schon immer mal sa- genWir, Herr Frankenthal, sind die Vorreiter der Entschädigung. Was der Aufsichtsratschef nicht weiß: Der

Zwischenrufer, den er Frankenthal nennt, heißt Eduard Bernhard. Auch der ist kritischer Aktionär. Franken- thal aber, der sich früher lautstark für die Belange der Opfer eingesetzt hat- te, ist Ende vorigen Jahres gestorben. Uberhaupt findet Liquidator Volker Pollehn, könne nicht die Schrumpffirma, deren Eigenkapital 1900 um vier auf gut 17 Millionen Mark absackte, alsallein verantwort- licher Nachfahre des früheren Kon- zerns angesehen werden. Bei ihr ge- be es nicht viel zu holen: Nach vielen Prozessen seien Ansprüche auf frühe- re Ostvermõgen definitiv aufgegeben worden. Jetzt hoffe man auf Gutha- ben, die während des Krieges in die Schweiz umgeleitet worden seien. Für Restitutionsansprüche aber gebe es Firmen anderer Grõßenordnung,bei denen das Vermõgen der IG Farben gelandet ist. Pollehn nennt BASF BASF beteiligt sich an der Stif tungsinitiative, die den Entschädi- gungsfonds für Zwangsarbeiter mit fünf Milliarden Mark bestücken will. Pavon wollen die IG-Farben-Liquida- toren nichts wissen. Sie kündigten an, die vor einem Jahr zugesagte eigene Stiftung bald zu gründen und mit 500.000 Mark auszustatten. Nur die Zinsen davon sollen den Opfern zu- gute kommen. Das ist für Peter Gin- gold, den alten Mitstreiter Franken- thals, inakzeptabel:Diese Stiftung bedeutet, dass das Unternehmen wei- terexistiert. Matthias Arning Frankfurter Rundschau, 24.8.2000