32 Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer
Verbrechen der Wehrmacht“(Vgl. MB 1/97)- Frankf. Rundschau, 4. 10. 97 Die Legende vom Gefreiten Schulz
Historiker hinterfragen Erzählungen ehemaliger Landser
Von Matthias Arning(Marburg)
Den Kritikern der Wehrmachtsausstel- lung hat der Freiburger Militärhistoriker Wolfram Wette bei einer Fachtagung vorgeworfen, sich„hinter dem Rücken der kleinen Soldaten zu verstecken“.
Die Legende von der ehrenhaft geblie- benen deutschen Wehrmacht ist zerstört. Nun basteln sich ehemalige Soldaten eine neue. Die geht etwa so: Zwar seien Solda- ten der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg an Verbrechen beteiligt gewesen, aber deswegen lasse sich nicht mit den Organi- satoren der Wehrmachtsausstellung da- von sprechen, es seien Verbrechen der Wehrmacht gewesen.
Von einer„Kollektivschuld“, die der Ti- tel der derzeit in Marburg zu sehenden Ausstellung des Hamburger Instituts für Sozialforschung nahelege, könne keine Rede sein, hebt auch der Bonner Professor HansAdolf Jacobsen bei einer Tagung der hessischen Landeszentrale für politische Bildung und des Landesinstituts für Pãd- agogik hervor: Nicht die 19 Millionen deutschen Soldaten hätten Verbrechen begangen, befindet der 72 jährige frühere Offizier. Jacobsen räumt aber ein, daß „klargestellt werden muß, daß es viel mehr waren, als bislang angenommen“.
Militärhistoriker Wette erhebt Wider- spruch. Diese Kritik an der Dokumenta- tion über den Vernichtungskrieg der Wehrmacht in der Sowjetunion, in Ser- bien und in der Ukraine in den Jahren zwischen 1941 und 1944„konstruiert künstlich eine Kollektivverantwortung“ — in der Sicht ehemaliger Soldaten ma- che die Nachwelt die Wehrmacht als gan- ze verantwortlich. Für Wette eine Strate- gie eigener Entlastung„auf dem Rücken der kleinen Soldaten“, die darauf ziele, nun eine neue Legende zu schaffen.
Auch Raul Hilberg räumt mit mytholo- gisch aufgeladenen Sichtweisen auf. Wie
„Selbstverständlich“ habe die Spitze der Wehrmacht„die Vernichtung der feindli- chen Armee“ für den Feldzug gegen die Sowjetunion geplant— ebenso„wie die Vernichtung wehrloser Menschen“. Der Holocaust-Forscher von der US-Universi-
tät Vermont läßt keine Zweifel daran,%
die Wehrmacht als Säule des nationalso zialistischen Systems der SS ihre Dienste anbot: Für das Vernichtungslager Auschwitz„lieferte das Heer den Stachel- draht“ Die Kooperation sei zwischen Ge- neralkommandantur und 88S vereinbart worden. Sollten die Insassen der Konzen- trationslager auszubrechen versuchen, würde das Militär eingreifen:„Im Lager ist es die SS, außerhalb die Wehrmacht.“
Bis heute aber gilt für ehemalige Solda- ten die Regel: Mit der SS habe die Wehr- macht nichts zu tun gehabt. Die hinter der Frontlinie nachrückenden Einsatz- kommandos hätten„die Drecksarbeit“ er- ledigt. Doch der konnten sich manchmal auch Offiziere nicht entledigen. In diesen Fällen jedoch halten ExSoldaten an der ehernen Regel fest: Befehl ist Befehl— wer sich verweigert hätte, wäre selbst an die Wand gestellt worden.
Der Freiburger Militärhistoriker Ger- hard Schreiber kann das eigentlich nicht mehr hören, die legendäre Geschicht über den Gefreiten Josef Schulz, der sic geweigert habe, am 20. Juli 1941 im serbi- schen SmederevskaſpPalanka 16 jugosla- wische Partisanen zu exekutieren. Schulz habe sich daraufhin gleich zu den Partisa- nen stellen müssen und sei erschossen worden. Eine Geschichte, die in den 70er Jahren in Berichten der Neuen NMustrier- ten, Quick und Frankfurter Allgemeinen Zeitung auftauchte. Die Erzählung ver- zichtet auf ein Detail, auf das Schreiber hinweist: Vor der Exekution der Partisa- nen meldete das Militär bereits den Tod des Gefreiten Schulz. Der Landser war einen Tag zuvor bei einem Gefecht mit Partisanen tõdlich verwundet worden.


