Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer 5
durch die Einzelarbeit viel zu viel Texte entstehen sollten. Hinterher mit allen eine Auswahl zu treffen ist sinnvoller, als vorher zur Gruppen- arbeit zu'verdammen', denn auch ein unveröffentlichtes Manuskript kann die Beschäftigung mit dem Er- lebten voranbringen. Dennoch ist anzustreben, daß alle Teilnehmer an mindestens einem veröffentlichten rodukt beteiligt sind. Die sich an- hließende Schreibzeit sollte nicht zu knapp bemessen sein, Luft nach hinten' ist für jedes Schreibprodukt nur förderlich- Journalisten werden das sicher bestätigen. Während die- ser Produktionsphase sollten sich die Pädagogen oder Moderatoren im Hintergrund halten, jedoch jeder- Zeit für Hilfestellungen bereit sein. Ein wichtiger Schritt folgt da- nach: die Redaktionskonferenz'. An dieser sind alle Schreiber, aber auch die Pädagogen beteiligt. Hier wer- den sämtliche Texte diskutiert und behutsam überarbeitet. In unserer Schreibwerkstatt wurde diese Mög- lichkeit ausgiebig genutzt. Nicht nur an Formulierungen wurde gefeilt, Ssondern auch über Inhalte disku- 9 Das führt zu einer weiteren Keflexionsstufe: Schon vor der Ver- öffentlichung und der möglichen Kommentierung durch andere wur-
Sascha Feuchert ist'gelernter' Journalist und Mitarbeiter des Insti- tuts für Peutschdidaktik der Justus- Liebig- Universität Gießen.
Die auf Seite 4 verkleinerte Kopie aus dem Gießener Anzeiger vom 13. Ju— li 1906 kann auf Anfrage in Original- grõße zugeschickt werden, Interessen- ten wenden sich an Hans Hirschmann, Scheidweg in 61164 Karben.
de das Schreibprodukt von der ei— genen Gruppe kritisch gewürdigt. Trotzdem gilt auch hier der oberste Grundsatz: Das letzte Wort hat der Autor/die Autorin! Nur wenn sach- lich falsche Angaben erfolgen oder Aussagen die ganze Gruppe betref- fen, ist das Veto der Redaktionskon- ferenz ausschlaggebend. Durch die inhaltliche Diskussion aller Artikel erreicht man noch ein weiteres: Man grenzt sich deutlich vom'Lernziel: Betroffenheit“(S) ab und wirkt so einer möglichen'Inszenierung der Gefühle'“(6) entgegen.
Durch das großzügige Angebot des GießenerAnzeigers konnten die Jugendlichen im Anschluß an die Textbearbeitung auch die Bilder auswählen, die veröffentlicht wer- den sollten. Sie entschieden sich für eine Großaufnahme vom Fingangs- tor des Stammlagers, eine entspre- chende Bildunterzeile war schon ge- schrieben worden. Außerdem wurde ein Foto von Erhaltungsarbeiten so- wie eine Aufnahme vom EFingangs- tor nach Birkenau ausgewählt. Da- mit war die Arbeit der Schüler been- det, den Rest besorgten die profes- sionellen Zeitungsmacher.
Die Seite stieß nach ihrer Veröf- fentlichung auch auf entsprechende Resonanz, mindestens im eigenen Familienkreis, oft aber auch darüber hinaus. Dennoch entschieden sich die Schüler, die Auswertung und Verarbeitung ihrer Frlebnisse noch auf einer anderen Ebene fortzuset- zen: Im Januar des kommenden Jah- res veranstalten sie in Lich wieder einen Jugendkongreß zum Thema.
5) Abram/Meyl. F. 726. 6) ehd. S. 130


