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Lagergemeinschaft Auschwitz-Freundeskreis der Auschwitzer
Nur Tag der Befreiung
Im Artikel über die Gedenkfeier am 8. Mai in der Bad Nauheimer Synagoge OStreit um Be- deutung des 8. Mai kritisiert«, WZ vom 11. Mai 1995) wird ausführlich über die Rede des Stadt- verordnetenvorstehers Sigwart Langsdorf be- richtet, der— wie es heißt— einen entscheiden- den Unterschied hervorhob:»Für die einen be- deutet Befreiung Sieg, für die anderen, für die Mehrzahl der Deutschen war sie mit der Nieder- lage und dem totalen, nicht nur militärischen und politischen, sondern auch moralischen Zu- sammenbruch verknüpft«— so die Darstellung des Berichterstatters der Wetterauer Zeitung vom 11. Mai.
Der moralische Zusammenbruch der Mehr-
zahl der Deutschen hat mit der militärischen Niederlage überhaupt nichts zu tun. Wer dem Begriff Moral auch nur die geringste humanitä- re Bedeutung zumißt, kann nur feststellen, daß die Moral der meisten Deutschen bereits lange vorher»zusammengebrochen« war. Als sie nämlich begeistert unterstützten oder es mehr oder weniger gleichgültig hinnahmen, wie das Naziregime sich etablierte. Nis Andersdenkende, stigmatisierte Minderhei- ten und die als»Untermenschen« definierten Juden verfolgt, vertrieben und ermordet wur- den— bekanntlich wurde im Namen des deut- schen Reiches bald auch anderen Völkern und Menschengruppen mit der Bezeichnung»Un- termenschen« das Recht auf Leben abgespro- chen. Daß die Täter, Mitläufer und Zuschauer ihr damaliges Verhalten subjektiv keineswegs als unmoralisch empfanden, kann für diese Be- wertung nicht von Belang sein.
Wenn Begriffe wie Moral und Befreiung von subjektiven Empfindungen abhängig gemacht werden, so verkommen sie zu Worthülsen mit beliebiger Bedeutungszuordnung. Die Niederla- ge eines Regimes, dessen Wesensmerkmal die zur Staatsdoktorin erhobenen Menschenver- nichtung war, kann— nach humanitären und demokratischen Gesichtspunkten beurteilt— nur als Befreiung angesehen werden. Daß nach der Kapitulation des Deutschen Reiches immer noch Unschuldige verfolgt, Frauen vergewaltigt und Menschen ermordet wurden oder auf ande- re Weise ihr Leben verloren, ändert an diesem Befund nichts.
Deshalb ist es auch nicht gerechtfertigt, wenn Sigwart Langsdorf von einem»verordneten Be- wußtsein« spricht, weil der 8. Mai 1945 als Tag der Befreiung bezeichnet wird. Keinem Men- schen wird damit abgesprochen, den Tod von Angehörigen und Freunden zu betrauern. Für Schmerzgefühle wegen des verlorenen Krieges kann allerdings keinem Deutschen Verständnis entgegengebracht werden.
Impressum:
Herausgeber: Lagergemeinschaft Auschwitz Freundeskreis der Auschwitzer
Redaktion:
Hans Hirschmann, Hermann Reineck
Mitarbeiter: Diethardt Stamm,
Anni Roßmann-Reineck,
links: Leserbrief von Hermann
Reineck und Hans Hirschmann, veröffentlicht in der Wetterau-
er Zeitung vom 19. Mai 1995


