Heft 
(1995) 1/1995. April 1995
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Lagergemeinschaft Auschwitz- Freundeskreis der Auschwitzer

ch fühle mich lebendig. in Birkenau'?

Wie Jugendliche Auschwitz erleben von Klaus Konrad-Tromsdorf

Im vergangenen Jahr habe ich in zwei Ausgaben der Mitteilungs- blätter' unter der Uberschrift'Wie Jugendliche Auschwitz erleben' do- kumentiert, welche Aneignungs- und Verarbeitungswege die Teilneh- merinnen und Teilnehmer von Ge- denkstättenseminaren in Auschwitz fanden, bzw. welche ihnen eröffnet wurden. Nach der'Plenumsdiskus- sion' und dem'privaten Tagebuch' möchte ich heute das Gruppen- tagebuch' vorstellen. Die Auszüge sind dem Tagebuch einer Seminar- gruppe entnommen, die im Früh- sommer 1994 Auschwitz besuchte, die Teilnehmerinnen und Teilneh- mer waren zwischen 16 und 18 Jahre alt, Schülerinnen und Schüler von Gesamtschulen des Landkreises und der Stadt Gießen.

Jedes Gedenkstättenseminar hat unabhängig von der Intensität sei- ner Vobereitung- bei den Teilneh- menden zunächst'Sprachlosigkeit' zur Folge. Wenngleich die Vorberei- tung'Wissen' und'Kenntnis' ver- mittelt, so wirkt die unmittelbare Begegnung zunächst paralysierend. Mehrere Faktoren scheinen mir hierfür verantwortlich zu sein. Ganz sicher ist es vor allem die Diskrepan? zwischen Abbildern (nämlich den in der Vorbereitung medial vermittelten) und manifester Realität, die den Vorgang des Verstummens' auslösen. Und min- destens ebenso diskrepant scheint

mir die in der Vorbereitungsphase gewachsene persönliche Erwar- tungshaltung an einen solchen Ort und das tatsächliche persönliche Empfinden an einem solchen Ort W sein: bereits die Entscheidung, an einem Gedenkstättenseminar teilzu- nehmen wird als'mutig' empfun- den, dies umsomehr, als das persön- liche Umfeld in aller Regel mit mehr oder minder großem Unverständnis auf diese Entscheidung reagiert. Dieser Mut' verwandelt sich im Laufe der Vorbereitung, die man ja mit Gleichgesinnten zusammen er- lebt, offensichtlich in ein Gefühl von relativer Sicherheit, Sicherheit, die sich darauf gründet, zu den Guten' zu gehören, zu denen, die sich, wenn auch mit Angsten, enga- gieren.

Diese relative Sicherheit macht es, denke ich, Jugendlichen udau erst möglich, die Reise in eine Ge- denkstätte zu beginnen. An diesem Ort angekommen, werden aber auch sie von der historischen Semantik dieses Ortes überwältigt, gerade weil sie in der Lage sind, diese Semantik sensibel aufzunehmen. Die Uber- wältigung selber äußert sich in Sprachlosigkeit und es ist interes- sant zu beobachten, wie dieser Zu- stand überwunden wird, weil er überwunden werden muß. Er muß überwunden werden, weil angesichts der unmittelbaren Realitätserfah- rung nicht Schweigen, sondern Mit-